{"id":176,"date":"2023-01-15T17:54:22","date_gmt":"2023-01-15T16:54:22","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=176"},"modified":"2023-03-26T20:06:00","modified_gmt":"2023-03-26T18:06:00","slug":"der-peter-pan-komplex-gesprach-mit-michel-onfray-uber-den-franzosischen-prasidenten-nicolas-sarkozy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2023\/01\/15\/der-peter-pan-komplex-gesprach-mit-michel-onfray-uber-den-franzosischen-prasidenten-nicolas-sarkozy\/","title":{"rendered":"Der Peter-Pan- Komplex, Gespr\u00e4ch mit Michel Onfray \u00fcber den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Nicolas Sarkozy"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"has-regular-font-size wp-block-heading\"><strong>Der franz\u00f6sische Philosoph Michel Onfray h\u00e4lt Pr\u00e4sident Sarkozy f\u00fcr ein schlecht erzogenes Kind, das nie erwachsen geworden ist. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Spielzeugladen der Republik: Der Peter-Pan-Komplex<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p>Monsieur Onfray, Frankreich scheint in einem auffallenden Spannungsverh\u00e4ltnis zu stehen: Es wird gestreikt und demonstriert, w\u00e4hrend im Elys\u00e9e-Palast ein Pr\u00e4sident versucht, die &#8222;Grande Nation&#8220; glorreich zu verk\u00f6rpern. Leidet Frankreich am Sonnenk\u00f6nig-Komplex?<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen Sie, Frankreich hat sich nie wirklich davon erholt, Ludwig XVI. enthauptet zu haben! Seitdem schwankt es zwischen dem Wunsch nach einem K\u00f6nig und dem Wunsch nach seiner Enthauptung. Anders gesagt: Das Volk w\u00e4hlt seinen Staatspr\u00e4sidenten direkt, macht aber zugleich die Stra\u00dfe zum Austragungsort der Politik. General de Gaulle hielt die richtige Distanz, indem er sich, das war im April 1969, der Enthauptung durch ein Referendum aussetzte. Bei ihm war das eine klare Sache: Ich habe keinen R\u00fcckhalt mehr im Volk, dann trete ich zur\u00fcck! Andere Zeiten, andere Sitten: Heutige Berufspolitiker tun alles, um an die Macht zu gelangen. Wenn sie dort angekommen sind, tun sie weiter alles, um dort zu bleiben. W\u00e4hrenddessen tr\u00e4umt das Volk davon, den K\u00f6nig abzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben Sarkozy zweimal f\u00fcr eine Recherche getroffen. Wie w\u00fcrden Sie ihn beschreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ein Mensch, der unter einer Art Peter-Pan-Komplex leidet: Dieser Mann hatte keine Kindheit, er mag die Kindheit nicht, er mag seine Kindheit nicht, er hasst die Vergangenheit, seine Vergangenheit, er hat keine Ahnung von Geschichte, und es f\u00e4llt ihm sogar schwer, in der Gegenwart zu leben. Er ist von der Zukunft besessen, dem n\u00e4chsten Tag und unf\u00e4hig, heiter und gelassen zu sein. Bei diesem Gespr\u00e4ch meinte Sarkozy, P\u00e4dophilie und Homosexualit\u00e4t seien genetisch bedingt. Seine \u00c4u\u00dferungen wurden weltweit kommentiert. Er hat mir auch erkl\u00e4rt, er habe seine Pers\u00f6nlichkeit dar\u00fcber aufgebaut, dass er st\u00e4ndig Grenzen \u00fcberschritten und Gebote \u00fcbertreten habe. Ich erinnere daran, dass dieser Mann zu der Zeit, als er dieses Loblied auf die \u00dcberschreitung hielt, Innenminister war und das h\u00f6chste Amt der franz\u00f6sischen Republik anstrebte! Inzwischen ist er Staatsoberhaupt und lebt noch immer nach diesem Prinzip: ungeduldig, ungest\u00fcm, unruhig, sprunghaft und transgressiv wie ein Kind, das sich \u00fcber die Gesetze, den Vater, die Vorschriften des Vaters hinwegsetzt. Hinter seiner angeblichen Modernisierung des Amtes verbirgt sich eigentlich eine permanente transgressive Handlungsweise. Von seinem Liebesleben, seinen Medienauftritten, bis zu seinem Verh\u00e4ltnis zur Politik, die er nur aus machtpolitischer Perspektive betrachten kann. Der Fluch, der auf ihm &#8211; und damit auch auf uns &#8211; lastet, besteht darin, dass er keinen Sinn f\u00fcr Geschichte, keinen Sinn f\u00fcr die Vergangenheit hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie deuten Sie Sarkozys \u00c4u\u00dferung, nichts schiene ihm absurder, als das Sokratische &#8222;Erkenne dich selbst&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aufforderung ist f\u00fcr ihn das Gef\u00e4hrlichste schlechthin. Er wei\u00df, wenn er sich auf die Suche nach seinem Selbst, auf die Suche nach seinem tiefsten Wesen begeben w\u00fcrde, dass er dann Ungeheuer entdecken m\u00fcsste. Instinktiv wei\u00df er, dass er nicht in diese Richtung gehen darf, wenn er keine Geister wecken will.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sarkozy erkl\u00e4rt, er sei &#8222;ein Mann wie jeder andere, der morgens aufsteht und abends schlafen geht&#8220;, gibt er, indem er es so betont, damit nicht preis, genau das Gegenteil davon zu denken?<\/p>\n\n\n\n<p>Absolut.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Verhandlungen um die Sonderrenten der Eisenbahner lie\u00df Sarkozy sein Gehalt um 170 Prozent erh\u00f6hen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie haben Sie diese Geste aufgefasst?<\/p>\n\n\n\n<p>Als Beleg seiner Vorliebe, sich an keine Normen zu halten. Diese Unverfrorenheit ist eines Erwachsenen unw\u00fcrdig, aber sie sagt viel \u00fcber das Verhalten eines Kindes aus, das sich ohne Hemmungen im Spielzeugladen der Republik bedient.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie deuten Sie seine besondere Vorliebe f\u00fcr Luxus, f\u00fcr Milliard\u00e4rsfreunde und seine Lust diese &#8211; unter dem Vorwand der Transparenz &#8211; zur Schau zu stellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eben: Dieselbe Schamlosigkeit eines schlecht erzogenen Kindes, die auf seinem Verlangen beruht, unbedingt etwas haben zu wollen, da ihn das eigene Dasein nicht erf\u00fcllt. Er ist nur das, was er hat, so wie alle, die ihre Existenz auf Geld, Macht, Ansehen und den Blick der Anderen aufgebaut haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie deuten Sie Sarkozys Redeweise: h\u00e4ufiges Duzen, simple S\u00e4tze und ein Sprachniveau, das sich deutlich von seinen Vorg\u00e4ngern absetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe darin die R\u00fcpelhaftigkeit eines Empork\u00f6mmlings, der \u00fcber Br\u00e4uche, Konventionen, Symbole und H\u00f6flichkeit hinweggeht. All diese Zeichen unserer Zivilisation zeigen, dass sich unser Dasein nicht auf unsere unmittelbare Gegenwart beschr\u00e4nken l\u00e4sst, sondern in der Vergangenheit verankert ist. Das versteht dieser Staatspr\u00e4sident aber nicht. Die Kumpelhaftigkeit, die er Ihrer Kanzlerin gegen\u00fcber gezeigt hat, offenbart das infantile Verhalten desjenigen, der es immer noch nicht glauben kann, am Tisch der Gro\u00dfen sitzen zu d\u00fcrfen. Er umarmt Madame Merkel und klopft Benedikt XVI. auf die Schulter, als seien das seine Kumpels aus der Grundschule. <\/p>\n\n\n\n<p>Sarkozy hat die ungeschriebenen pr\u00e4sidialen Kleidungsvorschriften reformiert. Er ist in Jeans, T-Shirt mit dem Logo der New Yorker Polizei sowie Fliegerbrille zu sehen und joggt in kurzen Hosen. Was halten Sie von diesem f\u00fcr Chirac oder De Gaulle undenkbarem Aufzug?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kleidung dr\u00fcckt aus, dass sich dieser Mann in einer Welt der kurzen Hosen bewegt, anders gesagt, in einer Welt von nicht mal Zehnj\u00e4hrigen, wie im Film &#8222;Krieg der Kn\u00f6pfe&#8220;. Sich so zur Schau zu stellen, ist nicht nur infantil und l\u00e4cherlich, es ist j\u00e4mmerlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind die Franzosen mit einem Pr\u00e4sidenten, der sein Privatleben wie einen Fotoroman ausstellt, wieder am Hofe von Versailles?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, darum geht es: Aufstehen des K\u00f6nigs, Fr\u00fchst\u00fcck des K\u00f6nigs, Mittagsmahl des K\u00f6nigs, Souper des K\u00f6nigs, Stuhlgang des K\u00f6nigs, Schleimauswurf des K\u00f6nigs (\u00fcbrigens, einer der \u00c4rzte Ludwigs XV. hie\u00df Chirac), Garderobe des K\u00f6nigs, Zerstreuung des K\u00f6nigs, Spiele des K\u00f6nigs, Sport des K\u00f6nigs, Ferien des K\u00f6nigs, Gemahlin des K\u00f6nigs, M\u00e4tressen des K\u00f6nigs, Favoriten des K\u00f6nigs, Mutter des K\u00f6nigs, Reisen des K\u00f6nig und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Eisenbahner-Streiks hat Sarkozy seine Scheidung bekannt gegeben. Und unmittelbar nach dem f\u00fcr ihn kompromittierenden Besuch von Gaddhafi hat er seine Beziehung zu Carla Bruni verk\u00fcndet. Instrumentalisiert er gezielt sein Privatleben, um von seiner Politik abzulenken?<\/p>\n\n\n\n<p>Er nimmt die ganze Zeit die Medien in Anspruch, rund um die Uhr, so dass es sich bei ihm weniger um eine Strategie oder Kommunikationstaktik als um eine Non-Stop-Bilderflut des K\u00f6nigs handelt, ein Bild jagt das andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet so ein &#8222;TV-Pr\u00e4sident&#8220; f\u00fcr die Demokratie des Landes?<\/p>\n\n\n\n<p>Den Siegeszug der selbstst\u00e4ndig funktionierenden Maschinen in der Politik, in erster Linie die europ\u00e4ische B\u00fcrokratie, die den Staat in eine Instanz zur blo\u00dfen Absegnung ihrer Entscheidungen verwandelt. So hat der Staatspr\u00e4sident zwischen zwei Unterschriften nichts anderes mehr zu tun, als seinen K\u00f6rper in Szene zu setzen, wodurch seine nicht mehr vorhandene politische Macht kaschiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das Sarkozys Methode: Durch sein Handeln eine bestimmte Position zu beziehen und sogleich in seinen Reden die gegenteilige Position einzunehmen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, er lebt nur im Moment und sucht den darauf folgenden Moment. Er glaubt an das, was er im Augenblick sagt, w\u00e4hrend er es sagt. Das Gesagte erlischt noch in der Sekunde, in der es ausgesprochen wird. Von nun an ist alles m\u00f6glich, besonders der Widerspruch. Koh\u00e4renz setzt eine klare Linie voraus, die dem Verlauf der Zeit gehorcht. Sarkozy ist unf\u00e4hig, diese Zeitachse zu begreifen. Um bei dieser geometrischen Metapher zu bleiben: Als Opfer seiner Unf\u00e4higkeit in der realen Zeit zu leben, h\u00fcpft er st\u00e4ndig auf dem gleichen Punkt. Er ist dazu verurteilt, mit dem Zeitgef\u00fchl eines Kindes zu leben, in der ewigen Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Was halten Sie davon, dass sich Sarkozy immer wieder auf Leitfiguren der Linken wie Leon Blum, Guy Moquet und sogar Fran\u00e7ois Mitterrand beruft?<\/p>\n\n\n\n<p>Henri Guaino, sein Redenschreiber, der f\u00fcr ihn denkt, will Sarkozys Unf\u00e4higkeit, in der realen Zeit zu leben, durch Reden ausgleichen, die breit angelegte historische Fresken sind. Dieser Ghostwriter hat einen sehr ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr Geschichte. Und Nicolas Sarkozy spielt die ihm zugewiesene Rolle wie ein Schauspieler, der jede Stunde das St\u00fcck wechselt. Damit ihm das De-Gaulle-Kost\u00fcm passt, legt ihm sein Berater romantische Versatzst\u00fccke in den Mund &#8211; Chateaubriand, Hugo oder Michelet. Mit diesen Phrasen kann er sich zwar nicht im politischen Gesch\u00e4ft behaupten, aber ohne gro\u00dfen Aufwand seinen Platz in der Geschichte finden. Eine sehr geschickte politische Vorgehensweise, die zwei Fliegen mit einer Klappe schl\u00e4gt, denn gleichzeitig wird der ohnehin schon blutarmen Linken das Blut ausgesaugt, indem man sich ihrer Symbole bem\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sarkozy hat linke Politiker als Minister und Staatssekret\u00e4re unter dem Motto der &#8222;\u00d6ffnung&#8220; in seine rechte Regierung geholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Abwerbung ist eigentlich gar keine. Der \u00dcbertritt von liberalen Sozialisten zu den Liberalen von Sarkozy zeigt, dass sich die angebliche sozialistische Linke oft nur in Form, Personal und Stil von der echten Rechten unterscheidet. Mitterands liberale Wende in der Wirtschaftspolitik von 1983 zeigt, dass der Sozialismus, wie der &#8222;Sarkozyismus&#8220;, den liberalen Kapitalismus bedient, obwohl sie beide ihre jeweiligen Ideologien hartn\u00e4ckig beibehalten. Die Bipolarisierung der franz\u00f6sischen Politik ist nur Fassade. Alles ist so angelegt, dass es die Liberalen sind, egal ob von rechts oder links, die bei den Wahlen gewinnen. Au\u00dfer Opportunismus, Karrierismus, Geschmack an Privilegien, ist es die globalisierte Sicht, dass Geld alles bestimmt, die diese so genannten linken Politiker zu Sarkozy f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Herrscht nach den Vorstadtkrawallen im Winter 2005 und den Gewaltausbr\u00fcchen im November 2007 ausreichend politischer Wille, die Lebensbedingungen in den Stadtrandgebieten zu verbessern?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die liberale Politik erzeugt gesellschaftlichen Abfall, auf den sie mit Repression und Polizeigewalt reagiert. Als die liberale Linke damit konfrontiert war, hat sie kaum etwas anderes gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es nicht ein gutes Zeichen, dass aktuelle Regierungsmitglieder aus der zweiten Einwanderergeneration stammen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist PR! Sarkozy entscheidet alles allein. Jeder Minister muss seinen Aufsatz gegenlesen lassen, bevor er in der Presse erscheint. Das sind nur Pixel-Effekte, Vorw\u00e4nde, f\u00fcr die ein paar Machthungrige sich hergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Justizministerin Rachida Dati und die Staatssekret\u00e4rin f\u00fcr Menschenrechte Rama Yade, beide aus der zweiten Einwanderergeneration, sind auffallend fotogen. Dati posiert in Dior f\u00fcr die Boulevardpresse, Yade erscheint auf der Titelseite einer Psychologiezeitschrift. Sind wir in einer neuen \u00c4ra der politischen Kommunikation?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie leben sich auf den Hochglanzseiten als Klon eines Mannes mit Kinderseele aus. Es ist wie in der Fabel von La Fontaine, in der der Frosch sich derart aufbl\u00e4st, um die Gr\u00f6\u00dfe des Ochsen zu erreichen, dass er zerplatzt. Sie sind Fr\u00f6sche, die genauso gro\u00df wie der Ochse sein wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Monsieur Onfray, bevor Sie den Weg der Philosophie eingeschlagen haben, erlebten Sie den harten Arbeitsalltag in einer Molkerei. Was halten Sie von Sarkozys Slogan &#8222;Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich geh\u00f6re wirklich nicht zu jenen, die die Arbeit zu einer Religion erkl\u00e4ren. Zumal die gro\u00dfen Reicht\u00fcmer selten durch Arbeit, wenn \u00fcberhaupt, dann nur durch die der Anderen, sondern vielmehr durch das Kapital entstehen. Die Lohnarbeit ist meistens eine Form der modernen Sklaverei. Denn wer w\u00fcrde weiter arbeiten, wenn man ihm weiter sein Gehalt \u00fcberweisen w\u00fcrde, ohne dass er jeden Tag zu seinem Arbeitsplatz kommen m\u00fcsste? Sehr wenige Leute: K\u00fcnstler oder die, deren Arbeit durch symbolische Bezahlung oder in Form von Macht \u00fcber andere verg\u00fctet wird, was wohl nur f\u00fcr eine Minderheit zutrifft. Man muss weniger Arbeit unter besseren Arbeitsbedingungen anstreben: Historisch gesehen hat die Linke immer in diese Richtung gearbeitet. Wenn sie dies nicht mehr tut, ist sie ihrer ideologischen Substanz beraubt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ihrem auf Deutsch zuletzt erschienenen Buch &#8222;Wir brauchen keinen Gott&#8220; setzen Sie sich f\u00fcr einen offensiven Atheismus ein. Was halten Sie von Sarkozys Position, es seien &#8222;die Religionen, die uns als Erste die universellen Prinzipien der Moral, der Menschenw\u00fcrde, der Freiheit, der Verantwortlichkeit und der Aufrichtigkeit beibrachten&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass diese Tugenden, die nicht gerade zu denen geh\u00f6ren, die von unserem Staatspr\u00e4sidenten befolgt werden, aus komplexeren Zusammenh\u00e4ngen als lediglich dem der Religionen hervorgehen. Nicolas Sarkozy zeichnet sich nicht durch eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Vorliebe f\u00fcr Literatur, Kultur, B\u00fccher und Philosophie aus. Die christlichen, ethischen Grundwerte basieren auf \u00e4lteren, ethischen Grundwerten, den griechischen, aber auch den orientalischen, insbesondere den altindischen Religionsschriften. Die Idee einer &#8222;universellen Moral&#8220; leitet sich bei ihm eher aus dem katholischen Katechismus als aus einer pers\u00f6nlichen philosophischen \u00dcberlegung ab. Benedikt XVI. denkt genauso, aber um diese Sichtweise beibehalten zu k\u00f6nnen, muss man eine lokal beschr\u00e4nkte Position einnehmen: europ\u00e4isch, wei\u00df und christlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Werden Sarkozys sozialpolitische Reformen zu einer definitiven Orientierung Europas zum Liberalismus hin beitragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Sarkozy redet nur, deshalb wird er auch von den Medien verh\u00e4tschelt. In kaum mehr als sechs Monaten hat er alles M\u00f6gliche und das Gegenteil davon gesagt. Vor allem hat er eine Politik verfolgt, die von Jacques Chiracs Politik nicht so weit entfernt ist &#8211; Afrika, Russland, arabische Welt, China. Er bringt gar nicht so viel durcheinander, und Europa braucht nicht ihn, um eine liberalistische Kriegsmaschine zu sein! Das ist es schon seit einem Vierteljahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Glauben Sie, dass wir in Europa nach einigen Jahrzehnten besserer Arbeitsbedingungen wieder einen Raubtierkapitalismus erleben?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapitalismus ist eine blinde Produktionsweise von Reichtum. Der Liberalismus ist ein Modus, den vom Kapitalismus produzierten Reichtum aufzuteilen: Er gibt jenen, die schon haben und erzeugt Verarmung, das hei\u00dft, die Vermehrung des Reichtums der Reichen und die Vermehrung der Armut der Armen. Dementsprechend sind es immer weniger Reiche, die immer reicher werden, w\u00e4hrend immer mehr Arme immer \u00e4rmer werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Welches Bild vom Individuum haben die Rechten und Linken, und welche Rolle schreiben sie demnach der Gesellschaft zu?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rechte glaubt an das Individuum nach dem Gesetz der Wildnis. Sie l\u00e4sst alles so laufen, wie es ist, und behauptet, dass die Tauglichsten sich anpassen, \u00fcberleben und sich durchsetzen werden. Die Linke behauptet, dass wir uns zwar de facto in der Wildnis befinden, dass nach Darwin, den wir nie ganz lesen, aber auch Solidarit\u00e4t und gegenseitige Hilfe genauso wie die Anpassungsf\u00e4higkeit der St\u00e4rksten oder Kl\u00fcgsten zu unseren nat\u00fcrlichen Veranlagungen z\u00e4hlen. Die Rechte will eine Gesellschaft, die die Kr\u00e4fte der Wildnis freisetzt. Die Linke will eine Gesellschaft, die auf Humanit\u00e4t und Solidarit\u00e4t aufbaut und auf das Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Opfer der Brutalit\u00e4t der Ersten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie vertreten eine hedonistische Philosophie und eine dementsprechende Ethik. Wie w\u00fcrden Sie eine hedonistische Politik beschreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Helv\u00e9tius, ein Philosoph der Aufkl\u00e4rung, definiert sie vor der Franz\u00f6sischen Revolution so: &#8222;Das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck der gr\u00f6\u00dften Zahl&#8220;. Ich glaube, dass diese Aussage weiter aktuell ist und ein immenses Potenzial f\u00fcr die Gegenwart und Zukunft in sich birgt. Der Liberalismus verwirklicht das Gl\u00fcck von einigen Wenigen auf Kosten der gro\u00dfen Menge. Er impliziert, hart gegen\u00fcber den Schwachen und schwach gegen\u00fcber den Starken zu sein. Aufgrund meines Antiliberalismus denke ich, dass man das Gl\u00fcck der gr\u00f6\u00dften Menge anstreben muss und dass man eine Politik machen muss, die unnachgiebig mit den Starken und milde mit den Schwachen umgeht. Wie Sie sehen, ist diese Politik eine Ethik. Der Hedonismus wird h\u00e4ufig missverstanden. Er hat einen schlechten Ruf und \u00fcberall Feinde. Es reicht zu behaupten, Hedonismus ist gleich egoistischer, k\u00f6rperlicher, konsumorientierter Genuss, um sich nicht mit meinen Thesen auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Ich habe zwei Volkshochschulen gegr\u00fcndet, in denen ich ehrenamtlich unterrichte. Ich stecke Zeit und Energie hinein, vom Geld ganz zu schweigen. All meine beruflichen Kontakte stelle ich zwei Provinzst\u00e4dten in der Normandie zur Verf\u00fcgung. In einer der St\u00e4dte, Argentan, wo ich herkomme, habe ich die &#8222;Volkshochschule des Geschmacks&#8220; ins Leben gerufen, um im Rahmen eines Garten-Projekts mit einem Verein zur Resozialisierung von Menschen in Schwierigkeiten zusammenzuarbeiten. Wie k\u00f6nnte mein Hedonismus mond\u00e4n, pariserisch, konsumorientiert und egozentrisch sein? Hedonismus ist ein komplexes Spiel mit Freuden, das die Freude der anderen mit beinhaltet.Ein Ersatz f\u00fcr die Revolution zur Aneignung des Staatsapparates.Wissen Sie, der Staat ist nicht mehr der einzige Ort der Macht, daher er\u00fcbrigt sich das Konzept einer Revolution zur Aneignung des Staatsapparates. Das ist \u00fcbrigens eine der Lehren von Michel Foucault. Da derselbe Philosoph schreibt, dass &#8222;die Macht \u00fcberall ist&#8220;, bedarf es folglich \u00fcberall der Gegenm\u00e4chte. Die Revolution wird somit zur mikrologischen Angelegenheit, denn sie ist eine Antwort auf die dominierende Macht, die auch mikrologisch ist. Die Summe aller Mikro-Widerst\u00e4nde gegen\u00fcber den Mikro-Faschismen kann die herrschende Macht wirklich bremsen. Durch das, was ich das Gulliver-Prinzip nenne: Viele kleine miteinander verbundene Punkte k\u00f6nnen den Riesen Gulliver endg\u00fcltig aufhalten. Es bedarf nur der Vernetzung dieser Mikro-Widerst\u00e4nde. Die Mikro-Widerst\u00e4nde sind effizient, auch wenn sie nicht unbedingt sehr sichtbar sind. Dort, wo der eine den anderen ausbeutet, unterdr\u00fcckt, muss man sich durch Verweigerung entgegensetzen. Die Macht gibt es nur, weil diejenigen, auf die sie ausge\u00fcbt wird, sich ihr beugen. Das ist eine der bedeutenden Lehren von La Bo\u00e9tie, dem Freund von Montaigne, der in der Politik mein Lehrmeister ist, im \u00dcbrigen ein Lehrmeister f\u00fcr alle Libert\u00e4ren. Es reicht, dass man der Macht nicht mehr zustimmt, und sie bricht von alleine zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel f\u00fcr einen Mikro-Widerstand nennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir den Feminismus. Man kann die Gesellschaft reformieren, ihre Gesetze \u00e4ndern, neue vorschlagen wollen, man kann aber auch im konkreten Alltagsleben Widerstand gegen Mikro-Herrschaftsverh\u00e4ltnisse leisten: Die Aufteilung der Haushaltsarbeit, die haupts\u00e4chlich Mann und Kindern gewidmete Zeit, die einseitig gefassten Entscheidungen. All das stellt politische Wirkungsbereiche dar, in denen die Mikro-Widerst\u00e4nde greifen. Ich bin f\u00fcr eine permanente Mikro-Revolution, hier und jetzt, mit konkreten, unmittelbaren Auswirkungen, und nicht f\u00fcr eine Makro-Revolution in ferner Zukunft, die nie eintreten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie aus diesem Grund die &#8222;Universit\u00e9 Populaire&#8220; gegr\u00fcndet?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sicher. Ich wollte nicht das franz\u00f6sische Uni-System reformieren, Projekte vorschlagen und auf eine bessere Zukunft und die Politiker hoffen. Ich habe mich entschieden, hier und jetzt, politisch zu handeln. Zusammen mit ein paar Freunden haben wir dann 2002 die freie Volkshochschule in Caen aufgebaut. Sie steht jedem offen und ist kostenlos, man muss sich nicht einschreiben, wir verlangen keinerlei Zeugnis, kein bestimmtes Bildungsniveau und keine pers\u00f6nlichen Daten. Es gibt keine Pr\u00fcfungen und auch kein Diplom. Das von uns angebotene Wissen soll dazu dienen, auf sich selbst und dann die Welt wirken zu k\u00f6nnen. Wir sind etwa f\u00fcnfzehn Leute, die unentgeltlich Kurse \u00fcber Feminismus, Politik, Psychoanalyse, zeitgen\u00f6ssische Kunst, Film, Literatur, Geschichte, Jazz sowie einen Philosophie-Workshop f\u00fcr Kinder geben. Ich selber biete 21 Kurse im Jahr an, die w\u00f6chentlich stattfinden. In der ersten Stunde stelle ich eine wissenschaftliche Arbeit vor, in der zweiten wird dann dar\u00fcber diskutiert. Jede Woche kommen \u00fcber 750 Menschen in den H\u00f6rsaal zu meiner Vorlesung \u00fcber die Gegengeschichte der Philosophie.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/der-franzoesische-philosoph-michel-onfray-haelt-praesident-sarkozy-fuer-ein-schlecht-erzogenes-kind-das-nie-erwachsen-geworden-ist-ein-gespraech-ueber-den-spielzeugladen-der-republik-der-peter-pan-komplex-li.60511\">Berliner Zeitung<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der franz\u00f6sische Philosoph Michel Onfray h\u00e4lt Pr\u00e4sident Sarkozy f\u00fcr ein schlecht erzogenes Kind, das nie erwachsen geworden ist. 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