{"id":184,"date":"2023-01-15T18:06:41","date_gmt":"2023-01-15T17:06:41","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=184"},"modified":"2023-01-25T18:32:31","modified_gmt":"2023-01-25T17:32:31","slug":"j-wie-josephine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2023\/01\/15\/j-wie-josephine\/","title":{"rendered":"J wie Josephine"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Brian Baker, eines der zw\u00f6lf Adoptivkinder der legend\u00e4ren T\u00e4nzerin und S\u00e4ngerin Josephine Baker, \u00fcber das Leben im Schloss, im Hotel und die Tr\u00e4ume seiner Mutter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das H\u00f4tel Scribe in Paris ist ein geschichtstr\u00e4chtiger Ort: Die Lumi\u00e8re-Br\u00fcder veranstalteten hier 1895 die erste \u00f6ffentliche Filmvorf\u00fchrung. Ein Jahr sp\u00e4ter stellte Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen seine Entdeckung der X-Strahlen vor, die sp\u00e4ter nach ihm umbenannt werden. 1929 bewarb sich Georg Orwell hier als Tellerw\u00e4scher. 1944 hielt General Eisenhower Pressekonferenzen ab, und statt Touristen gingen damals noch namhafte Kriegskorrespondenten ein und aus: Ernest Hemingway, Robert Capa und Lee Miller.<\/p>\n\n\n\n<p>Brian Baker kommt zu sp\u00e4t, er hat sein Portemonnaie im Auto eines Freundes verloren, sagt er. Lang bespricht er mit der Bedienung, was er trinken k\u00f6nnte. Er w\u00e4gt den Geschmack mancher Mineralwasser-Marken gegeneinander ab, bis er schlie\u00dflich das passende Getr\u00e4nk gefunden hat: Einen Apfelsaft, s&#8217;il vous pla\u00eet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben mit Ihrer Mutter Josephine Baker und Ihren Geschwistern einmal in diesem Hotel gelebt. Welche Erinnerungen ruft dieser Ort bei Ihnen hervor?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wohnten drei Monate lang hier. W\u00e4hrend der Woche gingen wir auf ein Jesuiten-Internat, an den Wochenenden kamen wir hierher. Meine neun Br\u00fcder, zwei Schwestern, meine Mutter und ich waren im ganzen Hotel verstreut. Wir Kinder hatten zu dritt, zu zweit oder allein ein Zimmer. F\u00fcr meine Mutter muss das eine sonderbare Zeit gewesen sein: Ihr Schloss &#8222;Les Milandes&#8220;, in dem wir vorher lebten, war zwangsversteigert worden und ein neues Haus noch nicht in Aussicht. Meine Mutter hatte sich hoch verschuldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch zog sie mit ihrer Gro\u00dffamilie in ein Grandhotel?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich vermute, die damalige Hoteldirektion wird auf sie zugekommen sein und ihr vorgeschlagen haben, mit uns Kindern hierher kommen zu k\u00f6nnen. Entweder bekamen wir Zimmer, die sowieso leer standen und nicht verrechnet wurden, oder sie zahlte einen speziellen Gruppenpreis f\u00fcr uns alle. Die Leute wussten, dass meine Mutter ruiniert war. Das Fernsehen hatte nach ihrer Galaveranstaltung einen Spendenaufruf von Brigitte Bardot gesendet. Die gro\u00dfz\u00fcgigen Spenden konnten die dramatische Zwangsversteigerung und anschlie\u00dfende R\u00e4umung des Schlosses auch nicht mehr verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie konnte sich die Situation derartig zuspitzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter hat nie glauben wollen, dass sie das Schloss verlieren k\u00f6nnte und sich eingeredet, Gott oder de Gaulle w\u00fcrden es nicht zulassen. Wir Kinder waren in Paris. Sie blieb alleine im Schloss, um es zu verteidigen. Der neue Besitzer wusste nicht, was er machen sollte. Er bestellte f\u00fcnf Rausschmei\u00dfer, jeder bekam 500 Francs. Als meine Mutter sich weiterhin weigerte, das Schloss zu verlassen, haben die Jungs sie mit Gewalt aus der Schlossk\u00fcche gezerrt. Drau\u00dfen warteten Fotografen. Das Bild ging dann um die Welt, wie sie in Kopftuch und Bademantel vor die T\u00fcr gesetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie diesen Umzug nach Paris als eine Art Bruch in Ihrem Leben empfunden?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war 1969 zw\u00f6lf Jahre alt. Als Kind habe ich mir nicht so viele Fragen gestellt. Immer lebte ich inmitten einer gro\u00dfen Gruppe. Wenn man allein und nicht st\u00e4ndig von anderen umgeben ist, hinterfragt man vielleicht mehr. Ich dachte nur, gut, wir werden jetzt ein paar Monate lang im Hotel wohnen. Meine Mutter hatte uns auch erkl\u00e4rt, dass das eine \u00dcbergangsl\u00f6sung sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutete es f\u00fcr Sie, das mittelalterliche Schloss gegen die Gro\u00dfstadt einzutauschen?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns Landkinder war das eine gro\u00dfe Abwechslung. Wir fanden es besonders lustig, auf einmal in Paris zu leben. Meine Mutter ging zu der Zeit wenig auf Tournee. So bestanden unsere Wochenendausfl\u00fcge aus Restaurant- und Kinobesuchen mit ihr. Das &#8222;Caf\u00e9 de la Paix&#8220; wurde schnell zu unserem Stammlokal. Manchmal sagten wir zu ihr: &#8222;Komm, lass uns lieber da dr\u00fcben ins Selbstbedienungsrestaurant gehen!&#8220; So etwas kannten wir nicht vom Land. Nachher haben wir nur noch dort gegessen, denn wir wussten, dass es nicht so teuer war.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis hatte Josephine Baker zum Geld?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gab es einfach aus, sie konnte \u00fcberhaupt nicht wirtschaften. Meine Mutter hat sehr viel verdient, aber auch sehr, sehr viel ausgegeben. Sowohl in den Jahren vor der Versteigerung des Schlosses als auch unmittelbar danach bestand sie auf unserem j\u00e4hrlichen Einkaufsritual. Einen Monat vor Weihnachten machte sie f\u00fcnf Tage lang mit uns zw\u00f6lf Kindern Eink\u00e4ufe in den Galeries Lafayette. Die Direktion des Nobelkaufhauses stellte uns immer zwei, drei Verantwortliche zur Verf\u00fcgung, die sich nur um uns k\u00fcmmerten. Tagelang probierten wir Kleidung an, forsteten Regale durch und suchten Spielzeug aus. Wir waren gl\u00fccklich, wobei wir schon vorher wussten, was wir zu Weihnachten bekommen w\u00fcrden. Dieser Shopping-Marathon hat uns immer vollkommen ersch\u00f6pft. Ich frage mich noch heute, wie das Personal, das uns Kinder betreute, das durchgestanden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>War diese Einkaufstour f\u00fcr Ihre 60-j\u00e4hrige Mutter nicht auch erm\u00fcdend?<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal ging sie zwischendurch weg und \u00fcberlie\u00df uns den Verk\u00e4ufern. In der Olympia Music Hall, die ganz in der N\u00e4he lag, konnte sie dann Verabredungen erledigen. Aber sie wollte auf jeden Fall sehen, was wir f\u00fcr Klamotten kauften. Es war die Zeit der Mao-Kragen, des Hippie-Looks. Wir fragten uns immer, wird sie ja oder nein sagen. Manchmal hatten wir Gl\u00fcck, aber manchmal war es ihr zu hippiem\u00e4\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie stand sie zur Hippiekultur?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ideale der Hippies &#8222;Peace &amp; Love&#8220; bef\u00fcrwortete sie. Sie lehnte nur alles ab, was mit Drogen und Sex zusammenhing. Ihr Kommentar dazu lautete immer: &#8222;Ich m\u00f6chte nicht, dass meine Kinder drogenabh\u00e4ngig werden!&#8220; Und zu Sex kein Kommentar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das steht im Widerspruch zum freiz\u00fcgigen Leben der Josephine Baker der Goldenen Zwanziger, in denen ihr ein verruchter Ruf vorauseilte. Durch ihre zahlreichen Liebhaber &#8211; wie Ernest Hemingway, Georges Simenon und Jean Gabin &#8211; wurde sie zum Inbegriff des &#8222;Flapper Girls&#8220;, der emanzipierten Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter, die wir kannten, und die junge K\u00fcnstlerin, das waren nicht ein und dieselbe Person. Wenn wir Kinder sie im Fernsehen &#8211; nur mit ihrem ber\u00fchmten Bananenr\u00f6ckchen bekleidet &#8211; in den Zwanzigern tanzen sahen, dann versuchte sie verzweifelt, den Fernseher auszumachen und sagte: &#8222;Nein, das ist eine junge T\u00e4nzerin, das hat nichts mit mir zu tun!&#8220; &#8222;Das bist du&#8220;, riefen wir dann, &#8222;Josephine Baker!!!&#8220; &#8222;Nein, das ist eine T\u00e4nzerin aus der Vergangenheit, ich bin eure Mutter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Hat sie ihre frivole Vergangenheit geleugnet?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt nicht, nur vor uns. Von ihren Freunden habe ich sp\u00e4ter erfahren, wie ausgelassen sie im Alter von \u00fcber 60 Jahren Partys feierte und sich \u00fcber all die &#8222;Wer-gerade-mit-wem&#8220;-Bettgeschichten aus dem Showbusiness am\u00fcsierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt allein sechs verschiedene Versionen, wer Josephine Bakers Vater war. Wie erkl\u00e4ren Sie sich, dass in nahezu jeder ihrer Biografien ihr Leben anders verl\u00e4uft?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter hat versucht, die Spuren ihrer Vergangenheit zu verwischen. Ihren leiblichen Vater hat sie nie gekannt. Dass sie als Achtj\u00e4hrige als Dienstmagd zu Wei\u00dfen gegeben wurde, wei\u00df man noch. Aber sie wollte vertuschen, was sie zwischen 13 und 18 Jahren erlebt hat: zum Beispiel, als sie St. Louis verlie\u00df und nach New York ging. Angeblich hat sie die ersten zwei N\u00e4chte im Central Park schlafen m\u00fcssen. Auch wenn das Spekulationen sind: Wir k\u00f6nnen nicht wissen, ob sie nicht vergewaltigt wurde. Oder ob M\u00e4nner sie nicht ausnutzten, als sie ihre allerersten Jobs als Aushilfst\u00e4nzerin hatte. \u00dcber ihre pers\u00f6nlichen Dramen hat sie nie etwas erz\u00e4hlt, auch nicht uns Kindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei hat das Pogrom in St. Louis, bei dem 1917 bis zu hundert Schwarze ermordet worden sein sollen, sie als Elfj\u00e4hrige und ihren sp\u00e4teren Kampf gegen Rassenhass zutiefst gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>So wenig sie uns \u00fcber diese pers\u00f6nlich erlebten Lynchmorde erz\u00e4hlt hat, so viel hat sie mit uns \u00fcber Rassismus gesprochen. Sie hat uns vermittelt, immer gegen Diskriminierung k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen. Dabei hat sie uns auch geschildert, wie sie 1963 an der Seite von Martin Luther King am Marsch auf Washington teilgenommen hat. Insgesamt war ihr Blick aber weniger auf das Gewesene als auf die Zukunft gerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Mensch war Josephine Baker?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lehnte jede Form von Narzissmus ab. Sie wollte sich nicht im Fernsehen sehen, nicht Artikel \u00fcber sich lesen und schon gar nicht ihre eigenen Platten zu Hause h\u00f6ren. Sie ging gerne wegen des Austauschs mit dem Publikum auf die B\u00fchne, alles andere drum herum interessierte sie nicht. Ansonsten k\u00f6nnte man sie vor allem als gro\u00dfz\u00fcgig und exzessiv bezeichnen. Ihre Entscheidungen waren manchmal v\u00f6llig willk\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4llt Ihnen eine bestimmte Situation dazu ein?<\/p>\n\n\n\n<p>Als meine Geschwister und ich das Gymnasium besuchten, hatten wir ein bisschen mehr Taschengeld als unsere Klassenkameraden. Einmal sagte der Schuldirektor zu meiner Mutter: &#8222;Madame Baker, Ihre Kinder haben viel mehr Taschengeld als die anderen zur Verf\u00fcgung. Sie sollten ihnen ein bisschen weniger geben, so w\u00e4ren sie wie die anderen.&#8220; Meine Mutter antwortete: &#8222;Ja, Sie haben recht. Sie bekommen zu viel. Ich habe mich geirrt.&#8220; Von einem Tag auf den anderen gab es \u00fcberhaupt kein Taschengeld mehr f\u00fcr uns! Null, gar nichts, bis mein Vater Jo Bouillon zur\u00fcckkam. Meine Eltern lebten schon getrennt, und er besuchte uns nur von Zeit zu Zeit. Sobald er sein Kleingeld auf den Tischen herumliegen lie\u00df, nahmen wir es ihm weg. Irgendwann merkte er das und fragte uns, warum. Wir erkl\u00e4rten ihm, dass wir \u00fcberhaupt kein Taschengeld mehr bek\u00e4men. Beim Essen gab es eine gro\u00dfe Diskussion, und mein Vater beschloss, dass wir von nun an auf vern\u00fcnftige Weise Taschengeld bekommen sollten. Weder zu viel noch zu wenig. Meine Mutter war damit einverstanden. Als er wieder weg war, hat sie es zeitweilig wieder gestrichen. Sie ging auf Tournee und hatte Angst, dass meine \u00e4lteren Br\u00fcder Dummheiten machen oder sich mit ihren Freunden Drogen besorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lebten Sie in dem Schloss?<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein ungew\u00f6hnliches, aber alles andere als trauriges Leben. Es \u00e4hnelte am ehesten einer st\u00e4ndigen Ferienkolonie: Viele Erwachsene, viele Kinder und viele Tiere. Wir hatten eine Art kleinen Zoo: Papageien, Tukane, Pfauen, Katzen, Hunde und Affen. Tags\u00fcber liefen die Affen im Park herum, nachts mussten sie in gro\u00dfe K\u00e4fige. Es passierte auch schon mal, dass ein Pavian zu einem kam, um nach Fl\u00f6hen zu suchen, unter dem Hosenbein oder auf dem Kopf. Am besten setzte man sich dann neben ihn und blieb ganz ruhig. Manchmal machten wir Kinder uns einen Spa\u00df und liefen Grimassen schneidend mit den Affen zum Schlossgitter, hinter dem auch hie und da Paparazzi oder Touristen standen. Die waren dann schnell weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Kamen Touristen, um sich Josephine Baker &#8222;in echt&#8220; anzusehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter hat den Tourismus \u00fcberhaupt erst in diese verlassene Gegend in den S\u00fcdwesten Frankreichs, den P\u00e9rigord, gebracht. Damals kannte kein Mensch die h\u00fcgeligen Landschaften mit ihren Foie- Gras-Produktionen. Meine Eltern haben 1948 das Anwesen mit dem Schloss gekauft und in eine Art Josephineland verwandelt. Das hat Jahre gedauert. Es gab ein Dorf, das sie erweitern lie\u00dfen, damit die Angestellten dort schlafen konnten. Hinzu kamen ein Hotel, ein Restaurant, ein Theater, ein Golf- und Tennisplatz und ein Wachsfigurenmuseum, das &#8222;Jorama&#8220;, das Szenen aus dem Leben meiner Mutter nachstellte. Wir lebten im h\u00f6her gelegenen Schloss, an das auch das Dorf angrenzte. Der Park erstreckte sich H\u00fcgel abw\u00e4rts bis zu einem Fluss, wobei der untere Teil f\u00fcr Touristen zug\u00e4nglich war, ebenso unser Schwimmbecken in J-Form, J wie Josephine. Wie bei einem K\u00f6nig waren am Gitter des Schlosses und am Eingang des Theaters die Initialen JO oder JB eingearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagten zuvor, Ihre Mutter habe jede Form von Narzissmus abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war immerhin Amerikanerin! Das ist eher hollywoodm\u00e4\u00dfig. Und die Namen meiner Eltern hatten dieselben Anfangsbuchstaben: Joseph Boullion und Josephine Baker.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Rolle nahm Ihr Vater, der f\u00fcnfte Ehemann von Josephine Baker, bei Ihrer Erziehung ein?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er da war, k\u00fcmmerte er sich als Vater um uns und versuchte, uns zu erziehen. Wir Kinder waren noch ganz klein, als meine Eltern sich trennten. Das Schloss war das Universum meiner Mutter, ihr Zuhause. Sie hatte alles initiiert, er blieb immer im Hintergrund und half, ihre Ideen zu verwirklichen. Wenn einer gehen musste, dann er. Er er\u00f6ffnete in Buenos Aires ein Lokal, so sahen wir ihn nicht so oft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie war er im Vergleich zu Ihrer Mutter?<\/p>\n\n\n\n<p>Viel ausgeglichener! Wir fanden ihn normaler. Sie war ein bisschen verr\u00fcckt, eine gute Mutter, aber durchgeknallt. Mit wechselhaften Stimmungen. Man wusste nie, wie sie reagieren w\u00fcrde. Unser Vater war sehr franz\u00f6sisch: logisch denkend und vorhersehbar. Er hatte seine Laufbahn als Orchesterleiter aufgegeben, um mit meiner Mutter das Schloss und den angrenzenden Komplex aufzubauen. Urspr\u00fcnglich war er Violinist gewesen. Als er versuchte, uns ein bisschen Musik beizubringen, hat sie sich dem widersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wollte verhindern, dass ihre Kinder m\u00f6glicherweise sp\u00e4ter einen k\u00fcnstlerischen Beruf ergreifen. Kunst sei zu sehr vom Zufall abh\u00e4ngig und mit zu vielen Risiken verbunden. Sie sagte immer: &#8222;Ich hatte viel Erfolg und einfach Gl\u00fcck. Mich haben gute Beine unterst\u00fctzt. Aber ich habe zu viele talentierte oder sogar geniale K\u00fcnstler herumkrebsen sehen.&#8220; Sie war davon \u00fcberzeugt, dass ihre Kinder einen vollkommen sicheren Beruf, den eines Gentlemans, aus\u00fcben sollten. Zum Beispiel wollte sie, dass mein Bruder Akio Diplomat in Japan wird. Am Anfang hatte sie sich sogar in den Kopf gesetzt, dass wir sp\u00e4ter alle f\u00fcr das Schloss arbeiten w\u00fcrden: Mo\u00efse sollte Anwalt, Jean-Claude Notar und ich Buchhalter des Anwesens werden. &#8222;Brian, du kannst gut kopfrechnen, ich habe deine Mathenoten gesehen&#8220;, sagte sie einmal zu mir, &#8222;au\u00dferdem muss unser Verwalter eines Tages sowieso ersetzt werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Lebenswege haben Ihre Geschwister eingeschlagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Jeannot und Luis wohnen heute beide in Monaco: Der eine ist G\u00e4rtner, der andere Versicherungskaufmann. Jari ist nach New York gegangen und arbeitet im Restaurant &#8222;Josephine&#8220;. Mo\u00efse starb nach langer Krankheit. Koffi betreibt in Buenos Aires einen Teesalon. Mara ist Steuerbeamte im Osten Frankreichs, Stelina eine ehemalige Stewardess, Hausfrau und Mutter in Treviso. Wir anderen f\u00fcnf leben in Paris und Umgebung: No\u00ebl, der seit der Pubert\u00e4t wegen Schizophrenie behandelt wird, hat als Tischler in einer Behindertenwerkstatt eine Besch\u00e4ftigung gefunden. Marianne ist medizinisch-technische Assistentin, Akio wurde Bankkaufmann, Jean-Claude leitet eine Produktion von Dokumentarfilmen, und ich habe mich als einziger f\u00fcr einen k\u00fcnstlerischen Werdegang entschieden. In den 80er-Jahren war ich Schauspieler, heute bin ich Autor und freier Journalist.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Beziehung haben Sie heute zu Ihren Geschwistern?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir halten immer noch zusammen, trotz der Entfernungen und Lebenswege, die sich nur mehr oder weniger kreuzen. Wir sehen, sprechen und m\u00f6gen uns. Geburtstage, Depressionen, Hochzeiten, Sonntage, Weihnachten &#8211; wir verpassen keine Gelegenheit, in Kontakt zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist die Idee Ihrer Mutter, Kinder unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe zu adoptieren und die sogenannte &#8222;Regenbogenfamilie&#8220; zu gr\u00fcnden, entstanden?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war in Kinder vernarrt. Sobald sie auf der Stra\u00dfe ein Kind sah, blieb sie stehen. W\u00e4hrend des Krieges, 1941\/42, hatte sie sich als Folge einer Fehlgeburt eine Bauchfellentz\u00fcndung zugezogen. Fast ein Jahr lang lag sie in Marokko im Krankenhaus. Dort erfuhr sie, dass sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Angeblich war sie das Showbusiness leid und w\u00fcnschte, sich, nur noch von Kindern und Tieren umgeben zu leben. Sie wollte ihr Ideal der Br\u00fcderlichkeit der Rassen, eine Art private Mini-Unesco verwirklichen, wo sie zeigen konnte, dass unterschiedliche Kulturen friedlich miteinander leben k\u00f6nnen. Sie fing erst an, uns zu adoptieren, nachdem das eigens daf\u00fcr erworbene Schloss restauriert und die Struktur drum herum aufgebaut war. Zun\u00e4chst ist sie nach einem wohl\u00fcberlegten Plan vorgegangen. In der Pariser Umgebung hat sie mit Jean-Claude und Mo\u00efse begonnen. Ein paar Monate sp\u00e4ter adoptierte sie bei einer reichen Freundin, die in Tokio ein Waisenheim gegr\u00fcndet hatte, Akio, den Koreaner, und Teruya, den Japaner, den sie in Jeannot umbenannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie stand Ihr Vater der Adoptionsidee Ihrer Mutter gegen\u00fcber?<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte an drei, vier, h\u00f6chstens an sechs Kinder gedacht, aber nicht gleich an zw\u00f6lf! Nach dem vierten Kind sagte er zu meiner Mutter: &#8222;Wir h\u00f6ren jetzt mal auf zu adoptieren, oder?&#8220; Sie sagte: &#8222;Ja, ja!&#8220;, und sechs Monate sp\u00e4ter kam sie wieder mit einem Kind auf dem Arm von einer Tournee zur\u00fcck. Sie setzte ihn vor die vollendete Tatsache. &#8222;Voil\u00e0, sieh dir mal den Kleinen an! Koffi kommt von der Elfenbeink\u00fcste, sein Stamm wollte ihn mitten in der Savanne zur\u00fccklassen, du glaubst doch nicht, dass ich das zugelassen h\u00e4tte!&#8220; Als sie in Venezuela auf indianische Familien stie\u00df, die ihre Kinder dem Meistbietenden verkaufen wollten, nahm sie Mara mit. Danach kamen Luis aus Kolumbien und Jari aus Finnland hinzu. Als meine Mutter an einem Heiligabend in der Olympia Music Hall sang, erfuhr sie von Journalisten, dass ein Kind neben einem M\u00fclleimer am Stadtrand von Paris gefunden worden war. Noch am gleichen Abend ist sie zum Sozialamt gegangen, hat nach dem Jungen gefragt und ihn zu sich genommen. Sie gab ihm den Vornamen No\u00ebl, was auf Franz\u00f6sisch zugleich Weihnachten bedeutet. Stelina stammte eigentlich aus Marokko. Sie wurde als uneheliches Kind von Freunden meiner Mutter geboren, die mit dem marokkanischen K\u00f6nigshaus verbunden waren. So bekam sie diesen italienischen Namen, damit die Geschichte unter den Teppich gekehrt werden konnte. In Algier wollte meine Mutter im Waisenheim ein Kind f\u00fcr ihre Schwester Margaret adoptieren. Als sie Marianne, uneheliche Tochter einer in Algerien arbeitenden Franz\u00f6sin, sah, holte sie sie gleich in ihre Regenbogenfamilie. Im selben Zimmer war ich: Brahim. Der Aussprache wegen hat sie mich Brian genannt. Das macht zw\u00f6lf!<\/p>\n\n\n\n<p>Hat die Adoption Ihre Identit\u00e4tsfindung beeinflusst?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war das nie problematisch. Als Berber muss das in meinen Genen liegen: Ich bin Fatalist. Meine Eltern sind im Algerienkrieg gestorben, und mich hat Josephine Baker adoptiert. Im Heim gab es viele andere Waisen, dennoch hat sie mich ausgesucht, angeblich habe ich sie angesehen und angel\u00e4chelt. Ich hatte einfach Gl\u00fcck, vielleicht ist das Schicksal? Die meisten meiner Geschwister sehen das \u00e4hnlich: Wir haben alle ein besonderes Schicksal, ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Leben, aber so sehr auch wieder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was halten Sie von den Polemiken, die Adoptionen von Hollywood-Stars ausl\u00f6sen?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter hat sicherlich teilweise auch ihren Status als Star und die fehlenden Reglementierungen der jeweiligen L\u00e4nder nutzen k\u00f6nnen, um manche von uns zu adoptieren. Aber bei Madonna war es wirklich: Ich komme und ich nehme. Man kann nur hoffen, dass es nicht nur eine Laune von ihr war. Aber, wenn sie sich gut um das Kind k\u00fcmmert, warum nicht? Wobei der besagte Junge aus Malawi kein Baby mehr war. Wenn man adoptiert, sollte man eher S\u00e4uglinge zu sich nehmen. \u00c4ltere Kinder rei\u00dft man aus ihrem bisherigen Lebensraum heraus, was dann sp\u00e4ter zu Hinterfragungen f\u00fchren kann. Als unsere Mutter uns adoptierte, waren wir alle j\u00fcnger als ein Jahr. Manche der Frauen, wie Angelina Jolie oder Mia Farrow, die sich f\u00fcr Adoptionen entscheiden, haben auf Josephine Baker verwiesen. Zum Gl\u00fcck sind es nicht nur Prominente, die dem Beispiel folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde verbreitet, Josephine Baker habe die jeweilige Herkunft ihrer Kinder bei der Erziehung ber\u00fccksichtigt. Stimmt das?<\/p>\n\n\n\n<p>Mo\u00efse hat sie immer als den Israeli vorgestellt, dabei war er Franzose j\u00fcdischen Ursprungs. Auf Reisen sagte sie stets zu Journalisten: &#8222;Das ist der Jude, Mo\u00efse, setz deine Kippa auf!&#8220; Als er \u00e4lter wurde, hat sie nicht mehr darauf bestanden, dass er sie tr\u00e4gt, schlie\u00dflich war er nie in eine Synagoge gegangen! Sie hatte es sich als Gl\u00e4ubige zum Ziel gesetzt, dass wir Kinder religi\u00f6se Grundlagen vermittelt bekommen. Aber als der eigens f\u00fcr mich eingestellte \u00e4gyptische Hauslehrer mit mir gen Mekka beten wollte, habe ich ihm in die Hand gebissen. Mit dem Koran sind wir auch nicht sehr weit gekommen, denn schon bald wurde der Lehrer wieder entlassen. Urspr\u00fcnglich sollte er mir die arabische Sprache und Kultur beibringen. Meine Mutter hat mich immer als den kleinen Araber pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat sie ihre unterschiedlichen Urspr\u00fcnge f\u00fcr eine mediale Inszenierung instrumentalisiert?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr sie verk\u00f6rperten wir vor allem ihr Ideal der universellen Br\u00fcderlichkeit. Auch wenn es eine impulsive Entscheidung von ihr war, mich zu adoptieren, hat es ihr sicherlich besonders gut gefallen, dass von nun an ein Araber neben einem Juden in Frieden aufwachsen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Inwiefern hatten Sie eine vertrauliche, pers\u00f6nliche Beziehung zu Ihrer Mutter?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie konnte nicht die Mutter von jedem von uns sein. Oft ging sie auf Tournee, um Geld zu verdienen. Ihre Schwester Margaret und deren Mann oder andere Erwachsene waren f\u00fcr uns da. Wenn man zu zw\u00f6lft ist, hat man eine Mutter, die sich um eine Gruppe, aber nicht um einen pers\u00f6nlich k\u00fcmmert. Wie in jeder kinderreichen Familie ist das ein wenig frustrierend. Manchmal h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, sie nur f\u00fcr mich alleine zu haben, sie nicht mit den anderen teilen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gab es nie Situationen, in denen Sie mit Ihrer Mutter alleine waren?<\/p>\n\n\n\n<p>Selten, aber doch! Einmal kam ich zu sp\u00e4t zur Schule und wurde nicht mehr in die Klasse gelassen. Da lebten wir inzwischen dank Grace Kelly in einer Villa in einem Dorf an der C\u00f4te d&#8217;Azur, das unmittelbar an Monaco grenzte. Jedenfalls konnte ich nicht gleich den Schulbus nach Hause nehmen, denn meine Mutter war zuf\u00e4lligerweise da. So trat ich den Heimweg zu Fu\u00df an. Als ein Regenguss losbrach, habe ich mich extra nicht untergestellt, um v\u00f6llig durchn\u00e4sst eine gute Ausrede zu haben: Mir sei furchtbar kalt, ich h\u00e4tte vergeblich auf den Bus gewartet. Meine Mutter hat mich dann abgetrocknet, ins Bett gesteckt, mir Medikamente geholt und Tee gemacht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, gelogen zu haben, aber ich genoss es einfach, dass sie mich alleine umsorgte. Manchmal nahm sie einen von uns auf Reisen mit, auch in unsere Herkunftsl\u00e4nder. Das waren besondere Momente.<\/p>\n\n\n\n<p>Suchte Ihre Mutter auch eine st\u00e4rkere N\u00e4he zu jedem einzelnen von ihnen?<\/p>\n\n\n\n<p>In unsere Ursprungsl\u00e4nder reiste sie mit uns vor allem, weil es dem Projekt der universellen Br\u00fcderlichkeit nutzen sollte. Sie wusste, dass Fernsehen und Presse \u00fcber unsere Reise berichten und Politiker es mitbekommen w\u00fcrden. Sie machte das weniger, um ganz allein mit einem von uns zu sein. Sie w\u00fcnschte sich, dass ihre Idee der Regenbogenfamilie weltweit um sich greift. Deshalb hat sie ihre Utopie so deutlich nach au\u00dfen getragen. Das war alles ein bisschen merkw\u00fcrdig, aber auch nicht traumatisierend.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/brian-baker-eines-der-zwoelf-adoptivkinder-der-legendaeren-taenzerin-und-saengerin-josephine-baker-ueber-das-leben-im-schloss-im-hotel-und-die-traeume-seiner-mutter-j-wie-josephine-li.6688\">Berliner Zeitung<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brian Baker, eines der zw\u00f6lf Adoptivkinder der legend\u00e4ren T\u00e4nzerin und S\u00e4ngerin Josephine Baker, \u00fcber das Leben im Schloss, im Hotel und die Tr\u00e4ume seiner Mutter Das H\u00f4tel Scribe in Paris ist ein geschichtstr\u00e4chtiger Ort: Die Lumi\u00e8re-Br\u00fcder veranstalteten hier 1895 die erste \u00f6ffentliche Filmvorf\u00fchrung. 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