{"id":186,"date":"2023-01-15T18:19:45","date_gmt":"2023-01-15T17:19:45","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=186"},"modified":"2023-01-25T18:21:20","modified_gmt":"2023-01-25T17:21:20","slug":"das-gesetz-der-rache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2023\/01\/15\/das-gesetz-der-rache\/","title":{"rendered":"Das Gesetz der Rache"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der Schriftsteller und Filmemacher Atiq Rahimi \u00fcber eine R\u00fcckkehr nach Afghanistan, den ewigen Kreislauf der Trag\u00f6dien seines Volkes und ein Leben mit verschiedenen Kulturen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Atiq Rahimi verabredete sich mit mir im Caf\u00e9 Select, einem schicken, dennoch nicht snobistischen Pariser Intellektuellen-Treffpunkt. Als wir w\u00e4hrend des Interviews gerade \u00fcber den letzten Krieg sprachen, verirrte sich eine Taube in das Caf\u00e9 und flog knapp \u00fcber unsere K\u00f6pfe mehrmals gegen die Fensterscheiben. Atiq Rahimi lachte und lachte zu meiner Verwunderung. Immer wieder war der dumpfe Aufprall des Tieres gegen das Glas zu h\u00f6ren. Schlie\u00dflich verlie\u00df die Taube das Caf\u00e9. Mit kleinen Schritten ging sie durch den Haupteingang. Sp\u00e4ter las ich im in Frankreich ver\u00f6ffentlichten Tagebuch Rahimis: &#8222;Vielleicht lache ich deshalb immer in allen Situationen. Im Inneren bin ich gebrochen und krank, meine Nerven liegen blank. Doch sobald ich mit jemandem spreche, zeichnet sich dieses, sicherlich l\u00e4cherliche, L\u00e4cheln auf meinen Lippen ab.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Atiq Rahimi, Sie leben seit fast 20 Jahren im franz\u00f6sischen Exil. Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie letztes Jahr zum ersten Mal in Ihr Heimatland Afghanistan reisten? <\/p>\n\n\n\n<p>Im Flugzeug hatte ich mich ganz hinten hingesetzt. Ich wollte nicht, dass mich jemand weinen sieht. Aber ich habe nicht einen Moment geweint. Ich f\u00fchlte mich leicht wie ein Strohhalm. Nach achtzehn Jahren setzte ich wieder den Fu\u00df auf den Boden meiner Heimat. Die R\u00fcckkehr hatte nichts Belastendes, obwohl ich aus dem Flugzeug all die Ruinen gesehen hatte. Ich wusste von der Zerst\u00f6rung und hatte sie vor der Reise akzeptiert. Im tiefsten Inneren f\u00fchlte ich nichts. Beim Betreten des Minibusses aber, der mich zum Flughafengeb\u00e4ude f\u00fchrte, brach alles in mir auf. Als ich die Musik h\u00f6rte, die mir aus den Stra\u00dfen und Basaren Kabuls vertraut war, fingen meine Beine zu zittern an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Meine Kehle schn\u00fcrte sich zu. In der Flughafenhalle erwartete mich niemand. Ein junger Mann kam auf mich zu: &#8222;Do you need a translator?&#8220; Jeder hielt mich f\u00fcr einen Fremden und rief: &#8222;Mister, Mister!&#8220; Ich sagte: &#8222;Ich bin Afghane.&#8220; Und als ich ins Taxi stieg, fragte mich der Fahrer: Also, wenn Sie Afghane sind, wo ist Ihr Haus? Ich habe kein Haus mehr, antwortete ich. Ich bin in ein Hotel gegangen. Wieder war ich ein Fremder. Das brachte mich zum Lachen, Afghanistan war f\u00fcr mich ein fremdes Land. Ich suchte das Haus auf, wo wir fr\u00fcher lebten. Die Leute, die es heute bewohnen, habe ich getroffen, mit ihnen gesprochen und Tee getrunken. Sie waren ein bisschen besorgt. Ich beruhigte sie, dass ich nur gekommen sei, um meine Vergangenheit ein wenig zu beleben. Lampions brannten in den Ecken. Es gab keinen Strom mehr. Der Maulbeerbaum war gef\u00e4llt. Die von meinem Vater gepflanzten Blumen waren l\u00e4ngst vertrocknet. Alles erschien mir absurd, surreal, wie in einem Traum, in dem einem etwas sehr Schlimmes passiert. Lachend versuchte ich eine Art Distanz einzunehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Deckte sich Ihr realer Eindruck mit Ihrer bisherigen Vorstellung von Kabul aus Jugenderinnerungen und Medienbildern? <\/p>\n\n\n\n<p>In den ersten Tagen dachte ich immer, ich sehe nur einen Film. Tags\u00fcber ging ich durch die Stra\u00dfen, und abends im Hotelzimmer hatte ich das Gef\u00fchl, nur Bilder gesehen zu haben, als sei Kabul ein Bildschirm. Diese zerst\u00f6rte Stadt und dieses Elend sind ersch\u00fctternd, ob man nun Afghane ist oder nicht. Bevor ich hinfuhr, hatte ich, um mich vorzubereiten, viele Filme \u00fcber das Land gesehen. Als ich aber ankam und die Ruinen sah, konnte ich es nicht fassen. Die Dreharbeiten f\u00fcr einen Dokumentarfilm waren der Anlass meines Aufenthalts. Aber ich konnte die Kamera in den ersten Tagen nicht einmal einschalten. Erst mit dem Geruchssinn ist langsam der Eindruck einer imagin\u00e4ren Stadt verschwunden. Der Rauch in der Nacht, der Duft von Brot und Kebab, der Geruch von Staub und Schlamm, der Gestank k\u00f6nnen einen nicht t\u00e4uschen. Nach drei, vier Tagen fing ich an, die Wirklichkeit meiner Reise, meine Identit\u00e4t, meine Heimat wahrzunehmen. Ich begriff, dass Afghanistan jetzt so ist. Das wiederum setzte mein bisheriges Leben in Klammern. Alles, selbst meine Kinder, erschienen mir so, als h\u00e4tte ich sie in einem Traum gehabt. Pl\u00f6tzlich glaubte ich nicht mehr an mein Leben in Frankreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es ein ganz besonderes Erlebnis? <\/p>\n\n\n\n<p>Unz\u00e4hlige. Nach dem Erdbeben, das es w\u00e4hrend meines Aufenthalts gab, lernte ich einen kleinen Jungen kennen, der mit seiner noch kleineren Schwester in den Tr\u00fcmmern ihres Hauses lebte und Linsen verkaufte. Er hatte die gleichen Augen wie der Sohn meines Bruders. Beim Drehen traf ich ein sich streitendes Ehepaar, dessen Haus im B\u00fcrgerkrieg vollkommen zerst\u00f6rt worden war. Sie waren nach Kabul zur\u00fcckgekommen und hatten es einen Monat lang wieder aufgebaut, als die Erde zu beben begann. Der Mann meinte l\u00e4chelnd, es sei gut, dass es eingest\u00fcrzt sei, denn die Mauern seien sowieso schief gewesen. Den Wiederaufbau werde er an einem Tag bew\u00e4ltigen. Die Frau schimpfte und weigerte sich, mit ihren Kindern jemals wieder darin zu leben, das Haus werde sonst beim n\u00e4chsten Beben zu ihrem Grab. Nicht nur die Mauern seien schief, sondern das ganze Fundament, was ich sehr sinnbildlich f\u00fcr Afghanistan befand: ob Geb\u00e4ude, der Staat oder die Kultur, alles wird auf einem br\u00fcchigen Grund wieder aufgebaut, statt den Mut aufzubringen, wirklich bei null neu anzufangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hat diese Reise Sie ver\u00e4ndert? <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Identit\u00e4t, Vergangenheit, Familie, Kultur, sogar der Mensch und Gott wurden f\u00fcr mich vollkommen infrage gestellt. Es war gro\u00dfartig, ich wusste auf einmal, dass ich etwas gegen dieses Elend unternehmen kann. Pl\u00f6tzlich glaubte ich mehr an mich selbst, an meine F\u00e4higkeiten und Handlungen. In Kabul gr\u00fcnde ich nun ein Verlagshaus mit, das afghanische Literatur publizieren wird. In Afghanistan gibt es keinen Verlag, aber viele junge Autoren. F\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung ihrer Texte sind sie bisher gezwungen, die Parteien um finanzielle Hilfe zu bitten und so politische Kompromisse einzugehen. Ich m\u00f6chte den Schriftstellern ihre Freiheit zur\u00fcckgeben. Dar\u00fcber hinaus plane ich, ein Literaturhaus an den Verlag anzugliedern, das im Exil lebende Autoren, die zur\u00fcckkommen m\u00f6chten und mittellos sind, \u00fcbergangsweise beherbergt und unterst\u00fctzt. Ich halte es f\u00fcr wichtig, Projekte zu initiieren, die Finanzierung zu gew\u00e4hrleisten, den Afghanen dann aber vor Ort die Verantwortung zu \u00fcberlassen. Ich lebe weiter in Paris. Meinen Blick auf Frankreich hat diese Reise nicht ver\u00e4ndert. <\/p>\n\n\n\n<p>In Paris gilt es als &#8222;in&#8220; &#8211; insbesondere seit die Taliban Buddha-Statuen zerst\u00f6rten &#8211; einen Pakol, jene aufgerollte afghanische Wollm\u00fctze, zu tragen. Was denken Sie, wenn Sie das Symbol des Widerstands der Mudjaheddin, zun\u00e4chst gegen die Kommunisten, sp\u00e4ter gegen die Taliban, nun in eine trendige Kopfbedeckung verwandelt sehen? <\/p>\n\n\n\n<p>Das bringt mich zum Lachen. Wenn die Leute nicht in ihrer eigenen Kultur verhaftet sind, \u00fcbernehmen sie gerne Attribute eines Volkes, das in Elend und Krieg lebt. Dann gibt mein Land ihrem Leben wenigstens etwas Farbe. Kein Volk besitzt eine Kultur allein. Letztes Jahr stie\u00df ich im Norden Griechenlands in einem Museum auf die kleine Statue eines griechischen Soldaten, die in \u00c4gypten gefunden worden war. Er trug wie ein Afghane Pakol und Schal. So muss die Uniform der Soldaten Alexanders des Gro\u00dfen ausgesehen haben. Afghanistan \u00fcbernahm sie, als dieser Persien eroberte und hat sie bis heute beibehalten. Alle Kulturen geh\u00f6ren der Menschheit. Hat das Exil Ihre Identit\u00e4t gepr\u00e4gt? Als ich noch in Afghanistan lebte, nannte mich jeder &#8222;Monsieur&#8220;, weil ich mich wie einer aus dem Westen kleidete. Und als ich jetzt in meine Heimat zur\u00fcckkam, sagten die Leute: &#8222;Atiq, du hast dich ver\u00e4ndert, jetzt kommst du mit einem afghanischen Schal hier an.&#8220; In Frankreich hatte ich mich jahrelang von der afghanischen Kultur distanziert. Ich traf nur sehr wenige Landsleute und las keine persische Literatur mehr. Den Bruch zur persischen Kultur habe ich ganz bewusst vollzogen. F\u00fcnfzehn Jahre lang war ich sehr weit weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Versuch, sich in die neue, fremde Kultur einzugliedern? <\/p>\n\n\n\n<p>Nein, darin lag nicht der Grund. Ich war von der afghanischen Widerstandsbewegung, ebenso wie von den afghanischen Kommunisten, sehr entt\u00e4uscht. Damals wie heute sehe ich darin viel eher ein tief verankertes kulturelles, als ein vordergr\u00fcndig ideologisch-politisches Problem: Die Afghanen sind noch immer nicht erwachsen und definieren sich nicht als Nation, sondern in ihrer jeweiligen Stammeszugeh\u00f6rigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Warum haben Sie Afghanistan verlassen? <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater war Royalist, mein Bruder Kommunist und ich Anarchist. Ich konnte weder die v\u00e4terliche Nostalgie noch die br\u00fcderliche Utopie teilen. F\u00fcr diese dritte Meinung gab es in Afghanistan keinen Platz. Einige Male war ich auf Demonstrationen gegen die sowjetische Invasion. Jedes Mal musste mich mein Bruder protegieren. Er hoffte immer, dass ich eines Tages wieder auf seine Seite wechseln w\u00fcrde. Bereits als sehr junger Mensch hatte ich Freunde im maoistischen Milieu und war tendenziell links eingestellt gewesen. Doch durch den Einmarsch der Sowjets 1979 bekamen mein Bruder und ich eine enorme Distanz zueinander. Zu Hause gab es st\u00e4ndig nicht enden wollende politische Streitigkeiten. Irgendwann sah mein Bruder ein, dass wir keine L\u00f6sung finden w\u00fcrden und lie\u00df mich in Ruhe. Er wusste, wie sehr ich das Kino liebe und setzte alles in Bewegung, damit ich ein sehr gutes Stipendium f\u00fcr eine Filmschule bekomme. Nachdem ich eine Zusage f\u00fcr die Sowjetunion hatte, sagte ich am Vorabend meiner Abreise ab. Wenn ich mein Studium dort gemacht h\u00e4tte, h\u00e4tte ich wahrscheinlich den siebenj\u00e4hrigen Milit\u00e4rdienst, der mir bevorstand, umgehen k\u00f6nnen. Inzwischen herrschte jedoch ein Klima, in dem ich keine Freiheit mehr hatte. Die von mir hier und da ver\u00f6ffentlichten Artikel, Erz\u00e4hlungen und Kinokritiken wurden aufmerksam verfolgt und &#8222;umgeschrieben&#8220;. Von diesen ideologischen Fragen abgesehen wollte ich sowieso in Europa leben und studieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Welchen Fluchtweg haben Sie gew\u00e4hlt? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lie\u00df mir einen Bart wachsen, schw\u00e4rzte mir das Gesicht und verkleidete mich als afghanischer Bauer. Unter dem Vorwand, ich m\u00fcsste zu einer Hochzeit in mein Dorf, verlie\u00df ich Kabul. Um von dort nach Pakistan zu kommen, brauchte man neun Tage und neun N\u00e4chte. Ich hatte mich mit meiner Lebensgef\u00e4hrtin einer bedeutenden Widerstandsgruppe anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Meistens schliefen wir tags\u00fcber und wanderten nachts. Wir mussten uns nach fast jedem Schritt verstecken, um von den sowjetischen Flugzeugen nicht gesichtet zu werden. Die nach Pakistan f\u00fchrenden Wege und die Grenze standen unter Kontrolle der Roten Armee, da die Widerstandsbewegung \u00fcber diesem Wege Kontakt zu Pakistan hielt und sich mit Waffen versorgte. Die Sowjets hatten \u00fcberall Minen gelegt. Wir kamen in einem Dorf an, in dem es fast einen Meter hoch geschneit hatte. Der Mann, der uns \u00fcber die Grenze f\u00fchren sollte, sagte, wir k\u00f6nnten nicht weitergehen, denn der ganze Weg sei vermint, und bei dem Schnee k\u00f6nne man nicht erkennen, wo die Minen l\u00e4gen. Wir m\u00fcssten warten, bis er geschmolzen sei. Es war Dezember. Das bedeutete, dass wir zwei, drei Monate in diesem Dorf h\u00e4tten verbringen m\u00fcssen. Wie sollten wir dort leben? Wir hatten weder Haus noch Geld. Am n\u00e4chsten Tag entschieden wir uns, doch weiter zu gehen. Der Kommandant der Widerstandsbewegung sagte: &#8222;H\u00f6rt, ich gehe voran, ihr folgt mir. Wenn ich in die Luft gesprengt werde, nehmt einen anderen Weg.&#8220; Zuerst schoss er vor sich auf den Boden, dann ging er einen Schritt voran. Er schoss und ging, er schoss und ging. Jeder musste seinen Fu\u00df genau in den Fu\u00dfabdruck des Vordermannes setzen. Vier Stunden lang gingen wir im Indianerpfad. Uns ist nichts passiert. Wir sahen Blutlachen und Pferdekadaver einer Karawane, die ein paar Stunden zuvor unseren Weg gew\u00e4hlt hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Bestand schon damals auch Gefahr von Seiten der Fundamentalisten? <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, denn schon Mitte der 80er-Jahre war der talibanesische Aspekt in Pakistan gegenw\u00e4rtig. Afghanische Wege standen bereits unter Kontrolle pakistanischer Islamisten. Sie \u00fcbten insbesondere auf junge Leute Druck aus und beschuldigten sie, von den Russen beauftragte Spione zu sein, um den Widerstand des Djihad zu unterwandern. Die Mullahs in den Stra\u00dfen stellten Fragen zur Religion. Man musste die Koranverse auswendig aufsagen k\u00f6nnen, mit den f\u00fcnf Gebeten sowie allen anderen Ritualen des Islams und dessen ideologischem Fundament bestens vertraut sein. Vor meiner Flucht war ich alles nochmals &#8222;durchgegangen&#8220;, auch wenn ich es von meiner Erziehung her kannte. Man hatte mich vor religi\u00f6sen Verh\u00f6ren gewarnt. Einer meiner Freunde ist fast get\u00f6tet worden, weil er im Stehen &#8222;wie ein Esel&#8220; pinkelte. Islamisten brachten die allerj\u00fcngsten Fl\u00fcchtlinge, die allein in Pakistan ankamen, in Koran- und Milit\u00e4rschulen. Viele junge Leute sind so verschwunden. Zum Gl\u00fcck flohen wir mit Untergrundk\u00e4mpfern der Widerstandsbewegung. Als wir die Grenze erreichten, sagte der Fluchthelfer: &#8222;Vor euch liegt Pakistan, hinter euch euer Heimatland, seht es euch ein letztes Mal an. Ich drehte mich um und sah, soweit das Auge reichte, unsere Fu\u00dfspuren im tiefen Bergschnee. Vor mir lag eine perfekte, wei\u00dfe Landschaft. Das war f\u00fcr mich wie ein wei\u00dfes Blatt, diese Freiheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie war das, als Sie in Europa ankamen? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte einzig das Gef\u00fchl von Freiheit. Auch wenn Kultur, Architektur und Mentalit\u00e4t nicht vergleichbar sind, f\u00fchlte ich mich nicht in die Fremde verpflanzt. Als ich Kabul verlie\u00df, war es eine moderne, lebendige, westlich orientierte, von kriegerischen Auseinandersetzungen verschonte Stadt. In der Uni flirteten wir mit M\u00e4dchen, besuchten Diskotheken und ausl\u00e4ndische Restaurants. Ich ging t\u00e4glich ins Quick Snack, um auf einer wunderbaren Terrasse Wein zu trinken. In Musikzentren h\u00f6rte ich Musik aus der ganzen Welt. Viele Ausl\u00e4nder lebten damals in Kabul. Im Goethe-Institut sah ich \u00dcbertragungen von Fu\u00dfballspielen und im Franz\u00f6sischen Kulturzentrum entdeckte ich die Nouvelle Vague. <\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten nach Europa geflohenen Afghanen leben in Deutschland. Aus welchen Gr\u00fcnden entschieden Sie sich, nach Frankreich ins Exil zu gehen? <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwestern leben in Frankfurt und Prag, meine Eltern inzwischen in Amerika. Nach Frankreich zu gehen war einfacher f\u00fcr mich. In Kabul hatte ich das franz\u00f6sische Gymnasium Estiqlal besucht. Ich kannte ein wenig die Sprache, die Literatur und Filme. Als ich hier ankam, waren die Franzosen \u00fcberrascht, dass ich ihre Filme besser kenne als sie. Wenn ich gefragt wurde, ob ich ein politischer Fl\u00fcchtling sei, antwortete ich jedes Mal: &#8222;Nein, ich bin ein kultureller Fl\u00fcchtling.&#8220; Sowohl Ihr Deb\u00fct-Roman &#8222;Erde und Asche&#8220; als auch Ihr zweites Buch &#8222;Die tausend H\u00e4user des Traums und des Schreckens&#8220;, der unter dem deutschen Titel &#8222;Der Krieg und die Liebe&#8220; j\u00fcngst erschienen ist, sind in Ihren Motiven und Ihrer poetischen Bildsprache von der persischen Kultur zutiefst durchdrungen. Afghanen finden es sehr westlich, wie ich schreibe, was den Stil, die Form, die Br\u00fcche und insbesondere die Sprache mit ihren kurzen S\u00e4tzen anbelangt. Im Persischen sind die S\u00e4tze sehr lang. <\/p>\n\n\n\n<p>In Ihrem Erstlingswerk \u00fcberleben ein alter Mann und dessen Enkel als Einzige eine Vergeltungsaktion der sowjetischen Besatzungsarmee gegen ihr Dorf. Dem Gro\u00dfvater steht bevor, seinem in einem fernen Bergwerk arbeitenden Sohn den Tod der Seinigen verk\u00fcnden zu m\u00fcssen. Sind Schmerz und Trauer autobiografisch verankert? <\/p>\n\n\n\n<p>Die Taliban hatten in meinem Land die Macht \u00fcbernommen, und die Welt reagierte darauf mit Gleichg\u00fcltigkeit. Zum einen wollte ich schreibend \u00fcber die dort herrschende Gewalt nachdenken, zum anderen die Trauerarbeit zum Tod meines Bruders angehen. Er war gestorben, und meine Familie hatte mir fast zwei Jahre lang seinen Tod verschwiegen. Einmal rief ich in Kabul an und sagte, ich h\u00e4tte geh\u00f6rt, mein Bruder sei tot. &#8222;Nein, nein&#8220;, entgegneten sie, &#8222;das stimmt nicht.&#8220; Dieses so genannte Spiel beruhte vielleicht auf Respekt, um mich nicht zu verletzen, oder um Trauer zu vermeiden, damit ich nicht leide. Meine Familie f\u00fcrchtete, ich w\u00fcrde verr\u00fcckt werden. Sp\u00e4ter wollte ich die genauen Umst\u00e4nde seines Todes nicht erfahren. Ich h\u00f6rte die unterschiedlichsten Versionen, eine lautete: Er sa\u00df in einem Flugzeug, das mit Nahrung von den Vereinten Nationen eine Luftbr\u00fccke nach Kabul bildete, als es von einer Rakete getroffen wurde. F\u00fcr mich ist sein Tod noch immer abstrakt und irreal. In Ihrem von Le Monde als &#8222;karg, berauschend, ersch\u00fctternd, tief traurig und unvergleichlich&#8220; hervorgehobenen Deb\u00fct-Roman fragt sich der Protagonist: Was habe ich verbrochen, dass ich am Leben geblieben bin. &#8211; Die Toten seien heute gl\u00fccklicher als die Lebenden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hatten Sie angesichts des Todes Ihres Bruders Schuldgef\u00fchle? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich dachte an den Bruder, den ich nicht mehr gesprochen und der nicht verstanden hatte, warum ich weggegangen war. Zehn Jahre nach meiner Flucht, kurz vor seinem Tod, erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mir Recht gab. Bis dahin hatte er mir nicht verziehen. Wir hatten keine Beziehung mehr zueinander. Die Trauer konnte mich entlasten und mir die Schuldgef\u00fchle nehmen. Es ist dieser rasende, nicht verarbeitete Kummer, der die Menschen in Afghanistan verdorben hat. Wenn der Schmerz nicht langsam verschwindet, indem er zu Tr\u00e4nen wird und aus den Augen rinnt, verwandelt er sich in ein Schwert oder im Inneren des Einzelnen in eine Bombe, die eines Tages hochgeht. Wenn man keine Trauerarbeit leistet, unterliegt man dem Gesetz der Rache und ger\u00e4t in den ewigen Kreislauf von Trag\u00f6dien, wo man entweder Blut an der Kehle oder an den H\u00e4nden tr\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<p>Trauerarbeit als die L\u00f6sung? <\/p>\n\n\n\n<p>Das Rachegef\u00fchl ist zutiefst menschlich und im Sinne von C. G. Jung archetypisch in unserem kollektiven Unterbewusstsein eingeschrieben. Wichtig sind jedoch die Mittel, die herangezogen werden, um es auszuleben. Wenn es uns gel\u00e4nge, die Realit\u00e4t, also die konkrete T\u00f6tung, in die Vorstellungswelt zu verlagern, k\u00f6nnten wir endlich aus der Logik der Vergeltung aussteigen. Unser persisches Nationalepos Shahnama, das &#8222;Buch der K\u00f6nige&#8220;, das der Dichter Firdousi im 11. Jahrhundert verfasste, enth\u00e4lt eine Schl\u00fcsselszene, in der Rostam im Kampf zweier verfeindeter Clans unwissentlich seinen Sohn Sohrab t\u00f6tet. Wenn die junge Generation unsere Mythen liest und sich mit ihnen auseinander setzt, wird ihr der imagin\u00e4re Akt der Rache er\u00f6ffnet. In meiner Kindheit erlebte ich noch die alten Geschichtenerz\u00e4hler, als ich mit meinem Vater durch die D\u00f6rfer der Provinz fuhr, in der er Gouverneur war. Sie konnten weder lesen noch schreiben, trugen aber Tausende, Abertausende von Versen der Shahnama auswendig vor. Afghanistan weist eine Analphabetenquote von 95 Prozent auf. Im Rahmen des Literaturhauses werde ich gezielt versuchen, diese alte Tradition zu f\u00f6rdern. Der im r\u00f6mischen Exil lebende K\u00f6nig Zahir, der von 1933 bis 1973 in Afghanistan herrschte, meint, es sei schon seinerzeit heikel gewesen, die Blutrache abzuschaffen, da sie in der Scharia, dem religi\u00f6sen Gesetz des Islams, verwurzelt sei. Als der Islam mit der arabischen Eroberung 642 ins heutige Afghanistan kam, stie\u00df er im Gegensatz zu anderen muslimischen L\u00e4ndern auf bereits vorhandene Religionen: den Zoroastrismus, die persische Nationalreligion, sowie den Buddhismus. Die von den muslimischen Mystikern \u00fcbernommenen Religionen verschmolzen mit dem Islam zu einer Einheit. Statt eines erobernden, k\u00e4mpferischen Islams w\u00fcnschte ich mir eine R\u00fcckbesinnung auf unsere Tradition des Sufismus, jenen Mystizismus, der die Religion als innere Angelegenheit des Menschen auf der individuellen Suche nach Gott versteht. Dieser auf das Verzeihen ausgerichtete Glaube beruht auf der Liebe zu Gott und nicht auf Angst vor ihm und seinen Strafen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Ihrem zweiten Roman schildern Sie die Lebensgeschichte einer junge Witwe, die von ihrer Familie bedr\u00e4ngt wird, den Bruder ihres verstorbenen Mannes zu heiraten. Wie sehen Sie die heutige Situation der afghanischen Frau? <\/p>\n\n\n\n<p>In den kleinen D\u00f6rfern leben die Frauen noch immer wie zu Zeiten der Taliban. Im Tal von Pandschir, wo der legend\u00e4re Milit\u00e4rchef der Nord-Allianz, Massud, geboren wurde, sieht man bis heute keine Frauen. Man darf nicht scheinheilig sein und alles dem Regime der Taliban zuschreiben. Eine solche Argumentationsweise dient nur dazu, die Vergangenheit zu rechtfertigen. Vielmehr sollte unsere Kultur infrage gestellt werden. Schon bevor die Taliban an die Macht kamen, war die Situation der afghanischen Frau problematisch. Ich bin gl\u00fccklich, dass sich jetzt zumindest in den St\u00e4dten die Lebensbedingungen der Frauen verbessern. Innerhalb eines Jahres ist ein Wechsel im Bewusstsein der Frauen und M\u00e4nner festzustellen. Zum Beispiel trugen zu Schulbeginn in diesem Jahr von zehn Sch\u00fclerinnen acht kein Kopftuch mehr. Dieser Fortschritt ist ermutigend. Wobei er nur einen minimalen Aspekt der schwer wiegenden Probleme der Afghanin darstellt, was ihre politische M\u00fcndigkeit, Erziehung, Sexualit\u00e4t und ihr Eheleben anbelangt: Der Mann hat immer noch das Recht, vier Frauen zu haben, selbst wenn er sie nicht alle ern\u00e4hren kann. Oft nehmen sich Mullahs junge M\u00e4dchen, die unter furchtbaren psychologischen Problemen leiden. Diese Themen werden selten angesprochen. Im \u00f6ffentlichen Diskurs Frankreichs st\u00fcrzt man sich auf das Kopftuch und fordert auf diktatorische Weise dessen Abschaffung. Wenn man die Bildungs- und Erziehungsarbeit fortsetzt, wird es von allein verschwinden. In Ihrem Roman &#8222;Der Krieg und die Liebe&#8220; findet ein von Fundamentalisten auf der Stra\u00dfe zusammengeschlagener Mann bei einer fremden Frau Unterschlupf. Unverhoffte G\u00fcte im Moment \u00e4u\u00dferster Verzweiflung. Ich lebe in einem tiefschwarzen Bild und darin leuchtet ein ganz kleiner Fleck, der mir den Weg aus der Dunkelheit weist. Das Schwarze wird mich nie anziehen. Wenn es im Krieg einen Moment des Lachens gibt, dann z\u00e4hlt nur noch dieser. Jedes Mal dr\u00e4ngt uns eine unglaubliche \u00dcberlebenskraft, alles zu akzeptieren, sich an die schwierigsten Momente anzupassen. Der junge Mann verliebt sich in die Frau, als ihm in der K\u00fcche der Geruch von angebratenen Zwiebeln in die Nase steigt. F\u00fcr mich z\u00e4hlen die einfachsten Dinge: ein Augenblick, ein Essen, ein Film, ein Gedicht, ein Satz, ein L\u00e4cheln, ein Blick. Das Leben selbst gibt mir Hoffnung. An den Rest, an Politik, glaube ich nicht so sehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo f\u00fchlen Sie sich heute beheimatet? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht werde ich sp\u00e4ter in einem kleinen Dorf in Indien leben. Die gleiche Distanz, die ich gerne zu Menschen wahre, behalte ich zu einer Kultur, zu einem Land bei. So wie ein einziger Mensch einem nicht alles geben kann, kann man auch in einem einzigen Land nicht alles finden. In Frankreich gefallen mir Lebensart und Gastronomie. Die franz\u00f6sische Arroganz am\u00fcsiert mich. An Holland sch\u00e4tze ich die Malerei, an Deutschland die Philosophie des 19. Jahrhunderts, die klassische Musik und Frankfurter W\u00fcrstchen. An Afghanistan liebe ich die K\u00fcche, Kleidung und dessen mystische Vergangenheit. Ich bin \u00fcberhaupt kein Patriot und verabscheue jeglichen Nationalismus. Ich lebe nicht in einem Land, ich lebe auf der Welt. Allen Kulturen liegt der Mensch zu Grunde. Den geografischen und historischen Kontext erachte ich nicht als wesentlich, er verleiht den Dingen nur eine Farbe. So wie ich mich nicht als Produkt einer Sozialisierung, Ideologie oder Religion sehe, bin ich einfach ein menschliches Wesen wie Milliarden andere. Ich glaube eher an das Individuum mit seinen Schw\u00e4chen. Nur weil ich in Afghanistan geboren bin, muss ich nicht Afghane bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schriftsteller und Filmemacher Atiq Rahimi \u00fcber eine R\u00fcckkehr nach Afghanistan, den ewigen Kreislauf der Trag\u00f6dien seines Volkes und ein Leben mit verschiedenen Kulturen Atiq Rahimi verabredete sich mit mir im Caf\u00e9 Select, einem schicken, dennoch nicht snobistischen Pariser Intellektuellen-Treffpunkt. 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