{"id":249,"date":"2023-01-23T00:10:00","date_gmt":"2023-01-22T23:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=249"},"modified":"2023-01-25T18:18:44","modified_gmt":"2023-01-25T17:18:44","slug":"die-dritte-luge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2023\/01\/23\/die-dritte-luge\/","title":{"rendered":"Die dritte L\u00fcge &#8211; Portr\u00e4t &#8211; Berliner Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Exil und Einsamkeit sind die Stoffe der Schriftstellerin Agota Kristof<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Agota Kristof verreist nicht gerne. Nur f\u00fcr einen Tag bleibt sie in Paris. Der Gespr\u00e4chsort, den sie w\u00e4hlt, gleicht eher einer Bahnhofshalle &#8211; zwischen Eingangst\u00fcr und Rezeption des Hotels, in dem sie zu fr\u00fch geweckt wurde. Blau gekleidete Arbeiter, die morgens den Baul\u00e4rm gemacht haben m\u00fcssen, essen laut im Hintergrund. Fragt man Agota Kristof, warum sie ungern auf Reisen geht, antwortet sie, sie w\u00fcsste es nicht. &#8222;Ich verlasse selten das Haus. Nur um Eink\u00e4ufe zu machen oder um von Zeit zu Zeit Freunde zu treffen.&#8220; In ihrer Wohnung in Neuch\u00e2tel f\u00fchlt sich die geb\u00fcrtige Ungarin zu Hause. Das habe nichts mit der Schweiz zu tun, es k\u00f6nne genauso gut in Paris oder Ungarn sein. Exil, Einsamkeit und Entwurzelung sind die Themenkreise der Schriftstellerin. Nachdem der ungarische Aufstand 1956 von den Russen niedergeschlagen worden war, verlie\u00dfen Agota Kristof und ihr damaliger Mann, so wie zweihunderttausend andere Landsleute, die Heimat. &#8222;Ich hatte eine sehr gl\u00fcckliche Kindheit, aber nach dem Krieg war es furchtbar. Wir lebten in einer wirklich unglaublichen Armut.&#8220; Die Russen exportierten alles, was es in Ungarn zu essen und zu trinken gab. Im Alter von 21 Jahren floh Agota Kristof mit einem W\u00f6rterbuch, Windeln und Fl\u00e4schchen \u00fcber die ungarisch-\u00f6sterreichische Grenze &#8211; zu Fu\u00df durch die W\u00e4lder. &#8222;Ich trug mein viermonatiges Baby im Arm&#8220;, erinnert sie sich, &#8222;ich konnte nicht laufen, nur schnell gehen.&#8220; Die Frage, ob die Flucht so gewesen sei, wie Kristof sie in ihren B\u00fcchern beschreibt, bejaht sie zun\u00e4chst, unterbricht sich dann und sagt &#8222;non, non&#8220;. Denn in ihren Romanen kommt nur der \u00fcber den Todesstreifen, der einen Ahnungslosen vor sich hergehen und statt seiner selbst auf eine Mine treten l\u00e4sst. Agota Kristof half jemand, der schon anderen zur Flucht verholfen hatte. Sie gaben ihm alles ungarische Geld, das sie noch besa\u00dfen. Dieser Mann habe sicher nicht schlecht verdient, sagt Agota Kristof. Nachts \u00fcberquerten sie eine Br\u00fccke, Sch\u00fcsse fielen. Sie legten sich auf den Boden, um von den Russen nicht gesehen zu werden. &#8222;Es war gef\u00e4hrlich&#8220;, sagt sie. Agota Kristof schreibt es dem Zufall zu, in welches Land sie gekommen ist. Es h\u00e4tte auch Deutschland, England oder Amerika sein k\u00f6nnen. \u00d6sterreich war von Menschen schon \u00fcberf\u00fcllt, die Botschaft h\u00e4ndigte ihnen ein Schweizer Einreisevisum aus. Ein Sonderzug brachte die ungarischen Fl\u00fcchtlinge in die franz\u00f6sische Schweiz, wo Agota Kristof in einer Uhrenfabrik zu arbeiten begann. &#8222;Um f\u00fcnf Uhr morgens aufstehen, aus dem Haus gehen, die Stra\u00dfe entlang laufen, um den Bus zu erwischen, vierzig Minuten Fahrt, die Ankunft im vierten Dorf, zwischen den Mauern der Fabrik. Schnell den grauen Kittel anziehen, im Gedr\u00e4nge die Karte in die Stechuhr schieben, zur Maschine eilen, sie in Gang setzen, so schnell wie m\u00f6glich ein Loch stanzen, stanzen, stanzen, immer das gleiche Loch in das gleiche St\u00fcck, m\u00f6glichst zehntausend Mal am Tag, denn von diesem Tempo h\u00e4ngt unser Lohn, unser Leben ab.&#8220; So schildert Agota Kristof im Roman &#8222;Gestern&#8220; den f\u00fcnf Jahre lang erlebten Fabrikalltag. Wie andere Arbeiter nahm sie ein wei\u00dfes Pulver, das die Nerven beruhigte und den Apotheker des Ortes bereicherte. Der Direktion war es bekannt, sie lie\u00df in der Fabrikhalle Musik einspielen. &#8222;Damit wir nach dem Rhythmus besser arbeiteten.&#8220; \u00dcber jeden Arbeiter gab es Aufzeichnungen. Als Eric Bergkraut seinen Dokumentarfilm, &#8222;Der Kontinent K.&#8220; \u00fcber die Schriftstellerin drehte, suchte sie die Uhrenfabrik nach Jahren wieder auf. Sie bekam Einsicht in ihre Akte. &#8222;Sie haben sie noch immer, nichts Besonderes stand drin.&#8220; Agota Kristof hat sich auch als Verk\u00e4uferin Geld verdient. Doch sie zog die Fabrikarbeit vor, bei der monotonen T\u00e4tigkeit konnte sie tr\u00e4umen und nachdenken. Inzwischen hat sie sich an die Schweiz und das Essen, dem es an Sch\u00e4rfe fehlt, gew\u00f6hnt. Manchmal stellt die 65-J\u00e4hrige staunend fest, wie &#8222;derma\u00dfen schweizerisch&#8220; ihre drei erwachsenen Kinder geworden sind. Da sie auch Freunde hat, f\u00fchlt sie sich nicht mehr wirklich als Ausl\u00e4nderin. Mit ihrem Schweizer Pass reist Agota Kristof seit 1968 mindestens einmal im Jahr nach Ungarn. Die Sprache des fremden Landes lernte sie sehr langsam. &#8222;In der Fabrik konnten wir nicht miteinander sprechen, so habe ich in den Jahren nichts gelernt.&#8220; Mit Fl\u00fcchtlingen aus Ungarn unterhielt sie sich weiter in der Muttersprache. Im Nachhinein scheinen die jahrelangen Sprachschwierigkeiten geradezu unvorstellbar, denn Agota Kristof hat ihre mittlerweile mit Literaturpreisen ausgezeichneten Romane alle in Franz\u00f6sisch geschrieben. Eigentlich habe sie durch die Schulaufgaben ihrer Kinder am meisten gelernt, sagt sie. Als sie schon zw\u00f6lf Jahre im Exil lebte, begann sie &#8222;aus Spa\u00df&#8220; eigene ungarische Gedichte zu \u00fcbersetzen und kurze Texte in Franz\u00f6sisch zu verfassen. &#8222;Da Kinder, Nachbarn und Eltern nur Franz\u00f6sisch sprachen und ich den Tag franz\u00f6sisch erlebte, w\u00e4re es merkw\u00fcrdig gewesen, weiter Ungarisch zu schreiben.&#8220; In den siebziger Jahren entstehen erste Theaterst\u00fccke: &#8222;Der Schl\u00fcssel zum Fahrstuhl&#8220; (1977), &#8222;Eine Ratte die vorbeikommt&#8220; (1972-1984), &#8222;Die graue Stunde oder der letzte Kunde&#8220; (1975-1984). &#8222;John und Joe&#8220; (1972) findet vor allem in Deutschland und Japan gro\u00dfen Anklang. Ihre Gedichte m\u00f6chte sie heute nicht ver\u00f6ffentlicht wissen, denn sie &#8222;mag sie \u00fcberhaupt nicht&#8220;, auch wenn sie das Schreiben im Alter von vierzehn Jahren mit Versen begann. Der Vater &#8211; ein Volksschullehrer -, der j\u00fcngere Bruder Attila und sie sa\u00dfen zu dritt in einem Zimmer, und jeder schrieb. Attila Kristof ist heute Schriftsteller in Ungarn. &#8222;Er beschreibt dieselben Menschen wie ich, aber ganz anders, sehr blumig und mit langen S\u00e4tzen&#8220;, sagt Agota Kristof \u00fcber den Bruder. In ihrem ersten Roman (1986) fand sie zu ihrem minimalistischen Stil. &#8222;Das gro\u00dfe Heft&#8220; schildert in n\u00fcchterner Sprache die Kindheit eines Zwillingspaares, das in einem vom Krieg zerst\u00f6rten Land \u00fcberleben lernt: es bettelt, stiehlt, schlachtet und t\u00f6tet. &#8222;Auch wenn mein Buch nicht autobiografisch ist, bin ich darin vollkommen enthalten.&#8220; In den unzertrennlichen Zwillingen spiegelt sich Agota Kristofs Beziehung zu ihrem zwei Jahre \u00e4lteren Bruder Jeno wieder. Von klein auf war sie in ihn verliebt und hat die durch ihre Flucht bedingte Trennung von ihm nie verwunden. &#8222;Es war sehr schmerzhaft, das zu schreiben&#8220;, erinnert sie sich. Vergeblich habe sie versucht, wirklich Erlebtes niederzuschreiben, sie fing mit &#8222;wahren S\u00e4tzen&#8220; an und setzte doch mit &#8222;L\u00fcgen&#8220; fort. Aus dem Bem\u00fchen heraus, sich der Wahrheit zu stellen, folgten auf &#8222;Das gro\u00dfe Heft&#8220; in einer ebenso abgr\u00fcndigen Poetik zwei weitere Romane. &#8222;Der Beweis&#8220; (1988) beschreibt den Lebenskampf eines der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Zwillinge, den sein geflohener Zwillingsbruder in einem totalit\u00e4ren Staat allein zur\u00fcckgelassen hat. In &#8222;Die dritte L\u00fcge&#8220; (1991) kehrt jener Zwilling, der das Land verlassen hatte, nach Jahrzehnten in die Heimat zur\u00fcck, um seinen Bruder und seine Identit\u00e4t zu finden. Diese drei Romane bilden eine parabelartige Trilogie \u00fcber Krieg, Tod, Verbrechen und sexuelle Perversion. Thomas Vinterberg, d\u00e4nischer Regisseur, der mit seinem Dogmafilm &#8222;Festen&#8220; 1998 Aufsehen erregte, wird Kristofs Trilogie verfilmen. Derzeit arbeiten sein Koautor Mogens Rukov und er an einer Drehbuchfassung. Viele Produzenten und Regisseure, auch Deutsche, hatten vergeblich versucht die Filmrechte zu erwerben. Kristofs Landsmann Istvan Szab\u00f3 bekundete Interesse am Stoff, wusste aber nicht, wie er ihn f\u00fcr sich umsetzen sollte. Als weiteres Filmprojekt ist Silvio Soldinis Verfilmung von Agota Kristofs viertem und j\u00fcngstem Roman &#8222;Gestern&#8220; geplant. Seit f\u00fcnf Jahren hat sie nichts mehr ver\u00f6ffentlicht. Theaterst\u00fccke und Gedichte will sie nicht mehr schreiben, nur noch Romane. In letzter Zeit schreibe sie viel weniger. Sie versuche es, aber es komme nichts Besonderes heraus. Mit einem Computer m\u00f6chte sie nicht arbeiten, denn da k\u00f6nne es passieren, dass man versehentlich seine Worte l\u00f6scht. &#8222;Bevor ich einschlafe, schreibe ich ein bisschen in meinem Kopf. Manchmal notiere ich die Gedanken und am n\u00e4chsten Morgen werfe ich dann das Blatt weg.&#8220; Agota Kristof meint, die Ideen k\u00e4men, wenn man sie am wenigsten erwartet, beim Gehen, Arbeiten oder Haushaltmachen. &#8222;Jetzt habe ich eine Putzhilfe, jetzt schreibe ich nicht mehr&#8220;, sagt sie. Auch wenn sie sich als Ungarin f\u00fchle, erkl\u00e4rt sie, w\u00e4re es f\u00fcr sie undenkbar, wieder in der Muttersprache zu schreiben. Als sie vor wenigen Jahren eine Lesung in Ungarn hatte, habe sie Angst gehabt, S\u00e4tze falsch auszusprechen. Die franz\u00f6sische Sprache beherrsche sie bis heute nicht vollkommen, und doch f\u00fchle sie sich in ihr beheimatet. Agota Kristof spricht nicht viel. Doch das Thema Sprache hat sie fast gespr\u00e4chig gemacht. Sie erz\u00e4hlt, zu Hause habe sie ein Regal mit allen \u00dcbersetzungen ihrer B\u00fccher: in 33 Sprachen, unter anderem Vietnamesisch. Manchmal ist sie verwundert, welche merkw\u00fcrdigen Sprachen es \u00fcberhaupt gibt, wie Katalanisch, Kastilisch, Galicisch. Ihre eigenen Texte m\u00f6chte sie nicht selbst ins Ungarische \u00fcbertragen m\u00fcssen. Zwei Mal die gleichen S\u00e4tze, das sei zu viel. &#8222;Das ist auch eine Frage der Faulheit&#8220;, f\u00fcgt sie hinzu. Sie z\u00e4hlt wahrlich nicht zu jenen Schriftstellern, die sich in den Vordergrund dr\u00e4ngen. Mit franz\u00f6sischen Intellektuellen, kann sie meistens nichts anfangen. Noch lebende Denkm\u00e4ler des franz\u00f6sischen Literaturbetriebs, die sich selbst inszenieren, nennt sie einfach &#8222;furchtbar&#8220;. Diese Menschen lie\u00dfen sie kalt und interessierten sie nicht, sie s\u00e4he sie h\u00f6chstens im Fernsehen. Agota Kristof liest keine zeitgen\u00f6ssischen Schriftsteller, nur Krimis. Sie habe viel gelesen, fr\u00fcher die Russen auf Ungarisch &#8211; im Alter von zw\u00f6lf Jahren Dostojewski -, sp\u00e4ter im Sprachkurs auch franz\u00f6sische Klassiker. Als sie aber sagt, sie sei keine philosophische Intellektuelle, muss man an eine ihrer Romanfiguren, Sandor Lester, denken: &#8222;Ich bin nur ein Arbeiter. Selbst wenn ich ein Schriftsteller w\u00fcrde, w\u00e4re ich zu nichts gut, ohne Kultur, ohne Bildung, ein Hurensohn.&#8220; Die Frage, ob diese Beschreibung ihrem Selbstbild nahe komme, bejaht Agota Kristof. Sowohl im Gespr\u00e4ch als auch auf der Konferenz \u00fcber ein pluralistisches Europa, der eigentliche Anlass ihrer Reise nach Paris, bemerkt sie: &#8222;Ich habe nichts Besonderes zu sagen.&#8220; Die Antworten der Schriftstellerin sind kurz und eindringlich wie ihre geschriebenen S\u00e4tze. In Erinnerung bleiben ihre vorsichtige Stimme und ein K\u00f6rper, der beinahe abwesend wirkt, als sei der Mensch sehr weit weg. Fragt man Agota Kristof nach ihren Pl\u00e4nen, sagt sie: &#8222;Nichts&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Agota Kristof erh\u00e4lt an diesem Sonnabend in Z\u00fcrich den renommierten Gottfried-Keller-Preis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem der ungarische Aufstand 1956 von den Russen niedergeschlagen worden war, verlie\u00dfen Agota Kristof und ihr damaliger Mann, so wie zweihunderttausend andere Landsleute, die Heimat. &#8222;Ich hatte eine sehr gl\u00fcckliche Kindheit, aber nach dem Krieg war es furchtbar. 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