{"id":260,"date":"2022-01-23T01:07:34","date_gmt":"2022-01-23T00:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=260"},"modified":"2023-04-04T06:36:08","modified_gmt":"2023-04-04T04:36:08","slug":"das-kranke-spiel-mit-der-sehnsucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2022\/01\/23\/das-kranke-spiel-mit-der-sehnsucht\/","title":{"rendered":"Das kranke Spiel mit der Sehnsucht &#8211; Interview &#8211; Berliner Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mit einem Enth\u00fcllungsroman greift der Pariser Schriftsteller Fr\u00e9d\u00e9ric Beigbeder die Werbeindustrie an, das Buch wurde zum Bestseller. Ein Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Monsieur Beigbeder, Octave, der Antiheld Ihres Insiderromans \u00fcber die Werbeindustrie &#8222;Neununddrei\u00dfigneunzig&#8220; sagt: &#8222;Ich schreibe dieses Buch, um mich feuern zu lassen.&#8220; Octave ist es nicht gelungen, Ihnen schon. Ja, bei mir hat es geklappt. Es hat zu gut geklappt. Ich wollte mich feuern lassen und eine hohe Abfindung kassieren. Und dann habe ich nicht einen Franc bekommen. Jetzt prozessiere ich gegen meinen ehemaligen Arbeitgeber, den franz\u00f6sischen Ableger der US-Agentur &#8222;Young &amp; Rubicam&#8220;. Sollte ich Kohle kriegen, m\u00f6chte ich sie Organisationen geben, die gegen Werbung arbeiten. Es w\u00e4re doch witzig, wenn die gr\u00f6\u00dfte Agentur Amerikas den Kampf gegen Werbung finanziert. Mein Buch war ein Bestseller in Frankreich, ich brauche kein Geld mehr. Erst mit Ihrem Enth\u00fcllungsroman haben Sie den Bruch mit der Werbebranche vollzogen. W\u00e4ren Sie auch freiwillig gegangen, wenn man Sie nicht vor die T\u00fcr gesetzt h\u00e4tte? Ich w\u00e4re auf keinen Fall mehr geblieben, auch wenn man mich nicht gefeuert h\u00e4tte. Im Roman ist das anders. Octave ist schwach, krank und schizophren. Er hat nicht den Mut zu gehen. Ich finde es witzig, dass er alles M\u00f6gliche versucht, um rausgeschmissen zu werden. Selbst als er mit seinem aus der verkoksten Nase flie\u00dfenden Blut den Toilettenspiegel des Auftraggebers Danone beschmiert, funktioniert es nicht. Am Ende wird stattdessen sein Gehalt erh\u00f6ht und er zum Chef bef\u00f6rdert. Wie haben Sie m\u00f6gliche Reaktionen der Branche auf Ihren &#8222;Hochverrat&#8220; eingesch\u00e4tzt? Ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet, gefeuert zu werden. Wenn meine Arbeitgeber auf den Beruf bezogen intelligent gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tten sie nat\u00fcrlich sagen m\u00fcssen: &#8222;Haha, das ist sehr komisch, danke Fr\u00e9d\u00e9ric, du bist wunderbar. Du bekommst ein noch h\u00f6heres Gehalt.&#8220; Doch sie haben wie Menschen reagiert. Ihre Kritik richtet sich haupts\u00e4chlich gegen Danone. Mein fr\u00fcherer Arbeitgeber hatte wegen dieses Kunden gro\u00dfe Angst. Wenn man derzeitige Boykottaktionen gegen den Konzern in Frankreich betrachtet, war ich eine Art Vorbote. Das Verhalten von Danone kannte ich nur aus Werbekonferenzen. Ich dachte nicht, dass den eigenen Angestellten gegen\u00fcber der gleiche Zynismus, die gleiche Verachtung herrschen w\u00fcrde, unglaubliche Gewinne anzuk\u00fcndigen und gleichzeitig Menschen zu entlassen. Ich betone jetzt &#8222;Danone&#8220;. Mein Verlag Grasset hatte mich aus Rechtsgr\u00fcnden gebeten, den Originalnamen im Manuskript zu ver\u00e4ndern. To protect the guilty. Andere Markennamen wie Nestl\u00e9 und Nike behielt ich bei. Musste Ihr Verlag nicht mit Klagen von multinationalen Konzernen rechnen? Mein Verleger hat darauf verzichtet, &#8222;Neununddrei\u00dfigneunzig&#8220; von einem Rechtsanwalt pr\u00fcfen zu lassen. Er meinte, sonst m\u00fcsste man alles neu schreiben. Das ist doch Wahnsinn. Wie soll man heute die Wahrheit sagen, ohne einen Prozess am Hals zu haben oder zumindest zu riskieren? Die Literatur kann die Realit\u00e4t, die wir t\u00e4glich erfahren, nicht mehr beschreiben. Heute unterliegt ein Schriftsteller fast mehr als fr\u00fcher der Zensur. Man kann \u00fcber Marken und Unternehmen nicht mehr sprechen. Wor\u00fcber soll man dann schreiben? Verr\u00fcckt ist, dass Unternehmen und Marken hingegen das Recht bleibt, sich auszudr\u00fccken. Es gibt doch weiterhin Foren, wo Marken und Unternehmen kritisiert werden k\u00f6nnen. In Frankreich sind Journalisten nicht sehr mutig. Da Fernsehen und Printmedien von der Werbung finanziert werden, wollen alle ihre Budgets nicht verlieren. Nur in seltenen Wirtschaftssendungen \u00fcbt man vereinzelt Kritik. Vor etwa drei Jahren hat die Werbeagentur &#8222;Publicis&#8220; den &#8222;Figaro&#8220; gebeten, eine Journalistin zu entlassen, weil sie den Agenturchef kritisiert hatte. Die Zeitung zog es vor, sich ihrer zu entledigen, denn das Werbebudget lag in Millionenh\u00f6he. Wenn Sie zehn Jahre lang in der Werbung gearbeitet haben, m\u00fcssen Sie zumindest am Anfang Gefallen daran gefunden haben. Sicher. Mit 24 Jahren kam ich eher zuf\u00e4llig in die Werbung. Ich hatte Politikwissenschaft studiert. Einem Agenturchef hatte mein erster Roman &#8222;Erinnerungen eines verst\u00f6rten jungen Mannes&#8220; gefallen, und er schlug mir vor, f\u00fcr ihn zu arbeiten. Was gefiel Ihnen konkret? Die Kohle. Wenn man eine Kampagne herausgebracht hat, die beachtet wird, wechselt man die Agentur und verdient 8 000 Mark monatlich, und nach acht oder zehn Jahren kommt man auf 15 000 Mark. Reisen, Glamour, sch\u00f6ne M\u00e4dchen, auch gro\u00dfe Fotografen und Filmemacher zu treffen, das alles gefiel mir. Doch schnell wurde mir bewusst, dass Auftraggeber potenzielle K\u00e4ufer f\u00fcr bescheuert halten. Ich dachte, nein, der ist ein Idiot, der n\u00e4chste wird besser drauf sein. Und der n\u00e4chste sagte das Gleiche: &#8222;Die Hausfrau ist dumm, man muss ihr Schei\u00dfe vorsetzen, wir werden deine Idee nicht nehmen. Ich bin derjenige, der zahlt, also habe ich Recht.&#8220; Diese Haltung war die Regel. So habe ich haupts\u00e4chlich f\u00fcr den M\u00fclleimer gearbeitet. Wann haben Sie angefangen, sich von der Werbewelt innerlich zu distanzieren? Schon nach zwei, drei, vier Jahren. Erst dachte ich, es sei ein Problem der Agentur, und wechselte. Die letzten f\u00fcnf Jahre, die ich bei &#8222;Young &amp; Rubicam&#8220; blieb, war ich total angewidert. Ich h\u00e4tte wie viele Kreative werden k\u00f6nnen: zynisch, resigniert, blasiert, den ganzen Tag Joints rauchend und Koks sniffend. Die denken nur ans Gehalt und leiden unter Magengeschw\u00fcren. Da ich schon vier B\u00fccher geschrieben hatte, fing ich 1997 an, Aufzeichnungen zu machen und dachte, vielleicht ist das der Ausweg. Als ich Michel Houellebecq kennen lernte und ihm von dem Werbekram erz\u00e4hlte, hat er gesagt: &#8222;Du bist ja bl\u00f6d, warum schreibst du nicht einen Roman dar\u00fcber? Die Werbung ist das wahre Machtzentrum heute.&#8220; Durch langj\u00e4hrige Berufserfahrung verf\u00fcgen Sie \u00fcber das Wissen, um Mechanismen und Codes der Werbewelt enth\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Ich habe Berufsgeheimnisse verraten, die man nur kennt, wenn man einer ihrer Sklaven war. Das hat die Branche am meisten schockiert. Werbung zu kritisieren ist nichts Neues, schon in den 60er-Jahren wurde das gemacht. Ich \u00fcbe Kritik, indem ich Arbeits- und Herstellungsvorg\u00e4nge enth\u00fclle: sinn- und endlose Meetings mit gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Kreativen und rassistischen Auftraggebern, \u00fcberteuerte Dreharbeiten, \u00fcberfl\u00fcssige Motivationsseminare. Mit den zehn Geboten des perfekten Kreativen, die ich aufstelle, erfahren Kunden von Werbeagenturen, wie sie beschissen werden. Das hat ihnen missfallen. Mit Nazis verglichen zu werden nat\u00fcrlich auch. Sie setzen die Werbeindustrie mit den Nationalsozialisten gleich, schreiben, Industrielle seien fast bereit, Viehwaggons wieder einzusetzen, damit Konsumenten ihre Produkte fressen. Ist das nicht \u00e4u\u00dferst spekulativ? Ich \u00fcbertreibe. Es ist Octave, der von Nazis besessen ist. Wenn er ein Geb\u00e4ude betritt, stellt er sich vor, Albert Speer habe es entworfen. Wenn er muskul\u00f6se M\u00e4nner in Miami sieht, denkt er an Skulpturen von Arno Breker. Er hebt st\u00e4ndig ab, denn er nimmt t\u00e4glich vier Gramm Koks. Und Sie, was denken Sie? Mir ist wichtig, diese Assoziationen Octave zuzuschreiben. Es entspricht nicht ganz dem, was ich denke. Das sagen Schriftsteller, wenn sie unangenehmen Fragen entkommen wollen. Aber wahr ist doch, dass wir in einem Werbe-Totalitarismus leben. Ein diktatorischer Diskurs definiert sich als Diskurs, der keine Antwort hat. Die Werbung kauft das Recht, sich auszudr\u00fccken: Sie bezahlt daf\u00fcr Werberaum in Stra\u00dfen, Zeitschriften und im Fernsehen. Und wir k\u00f6nnen darauf nicht antworten. In dieser Konstellation sehe ich eine Art von Faschismus. Ein weiterer Aspekt der Werbung ist, wie sie in der Geschichte wirksam sowohl von Kommunisten in der russischen Revolution als auch von Nazis zu Propagandazwecken benutzt wurde. Ich finde es wichtig, an die nicht zu leugnenden historischen Tatsachen zu erinnern. Werbung ist nicht leicht, frivol und cool. Millionen Menschen zu manipulieren, bleibt brutal, mit ihren Sehns\u00fcchten zu spielen, macht krank. Wie beurteilen Sie bei der Vorherrschaft von Marken multinationaler Konzerne unseren Demokratiebegriff? Die Politiker haben die Macht der Wirtschaft \u00fcberlassen. Wir k\u00f6nnen unsere Wahlzettel zerrei\u00dfen, sie sind nichts mehr wert. Bill Gates Verm\u00f6gen entspricht dem Bruttosozialprodukt Portugals, der 168 Milliarden Dollar Umsatz von General Motors dem D\u00e4nemarks. Marken sind so reich wie L\u00e4nder. Wenn man paranoid ist, was bei mir der Fall ist, kann man sich vorstellen, dass General Motors eine Armee aufbauen, Gesetze aufstellen und Land kaufen kann, indem sich GM-Bewohner niederlassen. Schlie\u00dflich gab es schon Unternehmen, die ganze D\u00f6rfer besa\u00dfen. Eines Tages werden wir nicht mehr L\u00e4nder, sondern Marken bewohnen, Mac Donaldianer und Microsofties sein. Wie sch\u00e4tzen Sie die so genannte &#8222;Privatisierung der Welt&#8220; ein, wenn man bedenkt, dass Herbert Marcuse 1964 es noch als Sakrileg erachtete, Bach im Supermarkt zu spielen und heute selbst schon der Name &#8222;Bach&#8220; in Leipzig gesch\u00fctzt ist. Unsere Wirklichkeit wird von Marken aufgekauft. Die Sprache zum Beispiel, die jedem von uns geh\u00f6ren sollte, wird immer mehr privatisiert. Nestl\u00e9 hat sich das Wort &#8222;Gl\u00fcck&#8220; als Markennamen sch\u00fctzen lassen, Pepsi geh\u00f6rt das Wort &#8222;blau&#8220;. Vor kurzem hat ein Comic-Zeichner die Stadt Dijon abbilden wollen. Da er die Realit\u00e4t gezeichnet hatte, war neben Kiosken und Autos auch ein Werbeplakat mit Mickeymouse vom Pariser Disneyland zu sehen. Disney hat mit Erfolg gegen ihn prozessiert, um die Mickeymouse-Darstellung zu verbieten. T\u00e4glich gibt es jetzt solche Rechtsstreitigkeiten. Ihrem Roman stellen Sie zwar ein Zitat von Rainer Werner Fassbinder voran, &#8222;Was man nicht ver\u00e4ndern kann, sollte man zumindest beschreiben&#8220;, gleichzeitig deuten Sie M\u00f6glichkeiten zu Ver\u00e4nderungen an. Die echte Macht liegt im Konsum: eher in der Kreditkarte als im Wahlzettel. Das Bem\u00fchen des Einzelnen ist jetzt gefragt, Produkte bewusst auszuw\u00e4hlen und Marken zu bestrafen, die uns in ihren Werbekampagnen sexistisch, rassistisch oder einfach nur dumm erscheinen. Man sollte ein Notizheft bei sich tragen, um diese Marken zu notieren und nicht mehr zu kaufen. Ratgeber erscheinen inzwischen, die den Marken, wenn sie ethisch korrekt sind, Sterne wie im Guide Michelin verleihen. Wir m\u00fcssen Marken wie Nike boykottieren, wenn man mitkriegt, dass sie Kinder in Indonesien ausbeuten. Diese Form von Protest wird in Amerika und auch in Deutschland schon mehr als in Frankreich betrieben. Bei der Erika-\u00d6lpest hat sich &#8222;Total&#8220; nach dem Beginn von Protesten entschieden, f\u00fcr die Reinigung der Str\u00e4nde zu zahlen. Die Vorstandsvorsitzenden m\u00fcssen jetzt aufpassen, wenn sie Entscheidungen treffen, denn Konsumenten fangen an, Aktionen und Prozesse, wie beispielsweise in Amerika gegen die Tabakindustrie, anzuzetteln. K\u00e4ufer sind nicht mehr bescheuert, sie reagieren. Sie selbst behaupten, das System habe sein Ziel erreicht, denn sogar Ungehorsam sei zu einer Form von Gehorsam geworden. Haben Sie mit Ihrer medial \u00e4u\u00dferst pr\u00e4senten Kritik nicht den Eindruck, lediglich zur Unterhaltung und Auflockerung des verfestigten Systems beizutragen? Deshalb habe ich mich entschlossen, in die Illegalit\u00e4t zu gehen und mit Organisationen, die Werbung bek\u00e4mpfen, zusammen Aktionen durchzuf\u00fchren. Den Anti-Werbe-Aktivisten geh\u00f6ren auch ehemalige Werbeleute an, die ihr Wissen \u00fcber Werbung einsetzen, um es als Waffe gegen diese selbst zu richten. Heute haben wir zu Baudelaires 180. Geburtstag drei Werbeplakate vor dessen Haus beschmiert, in dem gerade Luxusappartements entstehen. Die Tafel, die darauf hinwies, wo Baudelaire geboren wurde, fehlt jetzt. Die Stadt Paris vermietet hingegen riesige Werbefl\u00e4chen vor seinem Geburtshaus. Wir m\u00fcssten es schaffen, im Fernsehen Werbung gegen Werbung zu zeigen. Werbespots, die sich \u00fcber Autos und Alkohol, \u00fcber Mode und Mannequins mokieren. Ich hatte einen Spot f\u00fcr die &#8222;Casseurs de Pub&#8220; konzipiert, in dem die Erde Unmengen an Autos a\u00df, schwitzte und schwitzte, bis sie starb. Die franz\u00f6sische Medienaufsichtsbeh\u00f6rde weigerte sich, diesen Spot zum &#8222;Buy-nothing-Day&#8220;, der anregen sollte, nichts zu kaufen, zu zeigen. Das sei eine politische Werbung und somit verboten. F\u00fcr Ihre Kampagne haben Sie den Buchpreis als Romantitel gew\u00e4hlt. Mein Buch ist eine Ware, der Preis ist der Titel: Neununddrei\u00dfigneunzig. Dar\u00fcber steht mein Name. Ich bin k\u00e4uflich. Um unsere Zivilisation des Geldes zu denunzieren, ist es gut, gleich den Preis auf ein Kunstwerk zu kleben. Ich halte der Branche den Spiegel vor. Der Preis bestimmt heute den Wert der Dinge und nicht umgekehrt. Der Erfolg meines Buches f\u00fchrt jetzt auch noch vor, wie gef\u00e4hrlich Werbung ist. Was Ihre Glaubw\u00fcrdigkeit anbelangt, setzen Sie sich nicht einem starken Paradoxon aus, indem Sie sich als selbst geschaffenes Medienprodukt am System bereichern, das Sie kritisieren? Alle Kritik ist im System integriert. Was soll man machen, wenn man unzufrieden ist? Sich beispielhaft verhalten, sein Maul halten, abhauen und unwirksam bleiben? Ich kritisiere und verdiene lauter Kohle damit. Es stimmt, ich bin nicht rein und makellos. Ich bin widerspr\u00fcchlich und habe gerne schmutzige H\u00e4nde. An der Pop-Art mag ich die Idee, dass Warhol von der Konservenb\u00fcchse gleichzeitig fasziniert und abgesto\u00dfen ist. Er pr\u00e4zisiert niemals, was er mag oder nicht mag. Er sagt nur: &#8222;Ich will Werbung im Museum zeigen.&#8220; Mein Vorgehen ist von der Popliteratur nicht weit entfernt. Man beschreibt die Realit\u00e4t, in der wir leben. Bilder, Marken, Werbung und Fernsehen sind zu unserer Welt geworden. Mode und Luxus ziehen mich an. Gleichzeitig sehe ich klar, dass es ekelhaft ist. Der Rest des Planeten krepiert. Und doch faszinieren mich Glamour und Pailletten. Gerade als ehemaliger Werbeexperte, der mit der Werbung abrechnet, k\u00f6nnten Sie falsche Gl\u00fccksversprechen jener Bilderwelt doch entlarven und m\u00fcssten dem Schein nicht erliegen. Ich gebe nicht vor, ein Musterbeispiel zu sein. (Er ist irritiert, springt auf, holt eine Colaflasche, setzt sich wieder und schenkt sich ein. Wie in einem Werbespot nimmt er eine Pose ein und h\u00e4lt seinen Plastikbecher sehr hoch.) So, ich habe mir ein Glas Coca Cola eingeschenkt, ich leugne nicht, dass diese Marke pro Stunde weltweit eine Million Dosen verkauft, dass sie Phosphor- und Zitronens\u00e4ure ins Produkt gibt, um die Illusion zu schaffen, den Durst zu l\u00f6schen. Es gibt Leute, die Coca-Cola-s\u00fcchtig sind und t\u00e4glich zwei Liter trinken. Ich sage das alles und trinke jetzt dennoch einen Schluck, weil ich Coca Cola liebe. Das nervt die Leute, deshalb auch mein Buch, weil es sehr brutal gegen Werbung ist. Dabei sind Titel, Verpackung und Ich ein Medienprodukt. All diese Widerspr\u00fcche lebt jeder in den Industriel\u00e4ndern. Die meisten Leute sind so wie ich. Sie kritisieren den ganzen Tag den Konsumterror. Und wenn sie im Stau stecken, schimpfen sie auf Autos und sitzen trotzdem in einem. Ihr Antiheld Octave zeichnet ein Portr\u00e4t seiner selbst, indem er Unmengen an Markenartikeln in dem Sinne von &#8222;Ich besitze, so bin ich&#8220; auflistet. Als ironische Erg\u00e4nzung f\u00fcgt er noch den Besitz eines Autogramms des franz\u00f6sischen Topmodels Laetitia Casta hinzu. Was w\u00fcrden Sie auff\u00fchren? Definieren Sie sich auch \u00fcber Ihr Konsumverhalten? Nein, mich interessieren nur B\u00fccher. Ich w\u00fcrde eine Buchliste statt Luxusartikel aufz\u00e4hlen. F\u00fcr mich sind B\u00fccher letzte Orte der Freiheit. Keiner kauft ihre Seiten, um dort Produkte zu bewerben. Als Schriftsteller kann man sich ausdr\u00fccken, wie man denkt. Das bleibt ein Ort, der heute eine Art von Mission hat, eine &#8222;Mission Impossible&#8220;: Wort gegen Bild, Ruhe gegen Krach, Kunst gegen Kommerz. Auf Ihrem K\u00fchlschrank liegt tats\u00e4chlich das im Roman erw\u00e4hnte Autogramm von Laetitia Casta. Sie schrieb darauf Ihren legend\u00e4ren Werbespruch f\u00fcr den Wonderbra &#8222;Sehen Sie mir in die Augen. In die Augen, habe ich gesagt!&#8220; Ich traf sie mal zuf\u00e4llig eines Abends. Wissen Sie, der Konsum hat die Religion, Markenartikel haben Gott ersetzt. Leute gehen geradezu mit Andacht in einen Laden, als ob sie einem mystischen Orden zugeh\u00f6rten. Auf der Suche nach Gl\u00fcck kaufen sie diese angebeteten Dinge in einer Art Ritus oder Messe. In Bezug auf Marcuse erscheint es mir nicht als Zufall, dass Bach zuvor in Kirchen erklang und heute in Superm\u00e4rkten gespielt wird. Michel Houellebecq und Sie beschreiben beide den Untergang unserer Zivilisation. Die &#8222;traditionelle Metaphysik&#8220; wird, so Houellebecq, von der Wissenschaft, Ihnen zufolge von der Werbung ersetzt. Wie sehen Sie sich in Bezug auf ihren Freund Houellebecq? Michel mag Loser. Er zeigt gerne, dass unsere Gesellschaft Verlierer fabriziert, die kein Recht auf Sex, die keinen Zugang zum Komfort haben. Sie langweilen sich, leiden, sind ausgeschlossen und ungl\u00fccklich. Ich interessiere mich eher f\u00fcr Winner, die Geld, Macht und Einfluss haben. Ich sage, es lohnt sich nicht, sich anzustrengen, einen Super-Schlitten zu haben und mit Fotomodellen zu schlafen. Man ist genauso ungl\u00fccklich. Michel und ich beschreiben das gleiche Ungl\u00fcck. Nehmen Sie nicht hinsichtlich der 68er-Generation divergierende Positionen ein? Ich stimme mit Michel \u00fcberein, dass der Libertinismus, die sexuelle Befreiung, dem Liberalismus, den Weg bereitet hat, wo der Mensch auf ein Produkt, auf einen Preis reduziert wurde. Er hat Recht, wenn er behauptet, Freiheit endet bei freiheitlich. Im Gegensatz zu Michel bedaure ich, dass die 68er-Revolution nicht wirklich stattgefunden hat. Die Forderungen der 68er waren den meinigen nicht un\u00e4hnlich: die Infragestellung der Konsumgesellschaft und des unbegrenzten Wirtschaftswachstums. Viele Alt-68er sagen uns heute: &#8222;H\u00f6rt mal, eure kleine Revolte haben wir schon versucht. Es hat nicht geklappt, es lohnt sich nicht.&#8220; Und die n\u00e4chsten vierzig Jahre sind sie unbeweglich. Ihr Misserfolg hat meiner Generation geschadet. Deshalb nerven mich die 68er, sie sind total entmutigt und entmutigend. Gibt es f\u00fcr Sie noch Utopien? Nach dem Tod Gottes, nach dem Tod der Utopien gibt es keine andere Hoffnung als Geld und Konsum. Der Mauerfall war ein wichtiges Ereignis, aber jetzt fehlt uns das Gegenbeispiel. Zur derzeitigen Welt haben wir keine Alternative. Wir sollten uns wirklich fragen, ob es nicht doch eine M\u00f6glichkeit zur Ver\u00e4nderung gibt. Sobald man das Wort Ver\u00e4nderung nur ausspricht, sagt jeder sofort: Du bist ein Tr\u00e4umer, Idealist und Utopist. Die einzige Hoffnung, die den Leuten bleibt, ist, die gleiche Nase, den gleichen Hintern wie jeder zu haben. Die Sch\u00f6nheitschirurgie ist die einzige Ideologie, die geblieben ist. Werbeslogans sind vielleicht die Aphorismen von heute. Meinen Sie, dass Sie deshalb h\u00e4ufig mit dem Selbstdarsteller des viktorianischen Zeitalters, Oscar Wilde, verglichen werden? Oscar Wilde ist mein Idol. Werbung verkauft heute Aphorismen. Vielleicht w\u00e4re Wilde jetzt Werbetexter. Gleichzeitig h\u00e4tte er nicht die Disziplin aufgebracht, sich in den Dienst der Wirtschaft zu stellen. Vielleicht h\u00e4tte er &#8222;Neununddrei\u00dfigneunzig&#8220; geschrieben. Ich mag Autoren wie Wilde, Proust oder Voltaire. Ihre Gemeinsamkeit liegt darin, reich, mond\u00e4n, snobistisch und Teil der Bourgeoisie zu sein. Das hinderte sie nicht daran, die Welt aufs Sch\u00e4rfste zu kritisieren, der sie selbst angeh\u00f6rten. Mir gef\u00e4llt, dass sie Spione waren. Vielleicht waren sie die ersten Bobos. Ich bin so ein Bourgeois Bohemien. Wenn man Ihnen vorschl\u00fcge, in die Werbung zur\u00fcckzukehren, n\u00e4hmen Sie ein Angebot, das Ihren gestiegenen Marktwert ber\u00fccksichtigen w\u00fcrde, an? Niemals. Ich werde Journalist und Schriftsteller bleiben. Das Fernsehen, wo ich als Literaturkritiker arbeite, ist wieder ein sehr unsympathisches Milieu, eine Welt voller Haie und Krabben. Eines Tages w\u00fcrde ich gerne auch dar\u00fcber schreiben. Deshalb bleibe ich bei meiner Strategie des Undercover-Agenten. Ich muss gestehen, es ist \u00e4u\u00dferst angenehm, gut bezahlt zu sein. Einer der f\u00fcr mich gr\u00f6\u00dften amerikanischen Schriftsteller, J.D. Salinger, der seit f\u00fcnfzig Jahren in seiner H\u00fctte am Waldrand lebt und mit niemandem spricht, ist mutiger. Es ist immer das Gleiche. Ich sage, ich bin gegen das Bild, und gleichzeitig bin ich drin. Warum? Um \u00fcber B\u00fccher zu reden. Ich wei\u00df nicht, ob ich Recht habe. Vielleicht werde ich mich in ein St\u00fcck Seife verwandeln. Aber ich bin eine Seife, die zweifelt. Das ist schon nicht schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Enth\u00fcllungsroman greift der Pariser Schriftsteller Fr\u00e9d\u00e9ric Beigbeder die Werbeindustrie an, das Buch wurde zum Bestseller. 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