{"id":554,"date":"2023-03-30T18:18:56","date_gmt":"2023-03-30T16:18:56","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=554"},"modified":"2023-04-03T23:48:32","modified_gmt":"2023-04-03T21:48:32","slug":"der-blinde-fleck-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2023\/03\/30\/der-blinde-fleck-leseprobe\/","title":{"rendered":"Der blinde Fleck &#8211; Romanbeginn &#8211; Leseprobe 1"},"content":{"rendered":"\n<p>Auf einmal stand meine Mutter in ihrem orangeroten Cape vor der Kirche. Sie hatte mich noch nie von der Schule abgeholt, sie war mir noch nie auf dem Weg nach Hause entgegen gekommen. In der schiefen, grauen Kirche hatte mein Vater zu Weihnachten betrunken \u201eTeufel, Teufel\u201c geschrien, und sie hatte leise und doch laut \u201epst, pst\u201c gezischt. Mein Vater war Katholik, meine Mutter Protestantin. Beide glaubten an nichts, sagten sie. Die Kirche quoll vor Menschen \u00fcber, ich sch\u00e4mte mich nicht, als alle sich nach uns umdrehten. Ich sah auf den unebenen Steinboden und versuchte die Kacheln zu z\u00e4hlen, sie waren unz\u00e4hlbar. Wir kannten sowieso niemanden, au\u00dfer den \u00c4rzten meiner Mutter, au\u00dfer meinen Lehrern.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00fcpfend rannte ich auf meine Mutter zu. Sie trug ihre schwarze Sonnenbrille, die Sonne schien nicht, die Feuchtigkeit der Luft hatte ihr rotes, schulterlanges Haar gewellt. Sie setzte die Brille ab, ihr linkes Auge war blutunterlaufen und fast geschlossen, ihre linke Wange angeschwollen, als sei sie gest\u00fcrzt.<br>\u201eWir gehen nach Deutschland!\u201c<br>\u201eWann?\u201c<br>\u201eJetzt!\u201c<br>Sie nahm meine Hand, ich merkte, dass die Hand zitterte, wusste aber nicht, ob es die meiner Mutter oder meine war. Die Wege der franz\u00f6sischen Kleinstadt, in der wir lebten, verliefen uneben, der Regen der letzten Wochen hatte sich in Schlagl\u00f6chern gesammelt. Ich achtete darauf, dass meine Mutter nicht in schlammige Pf\u00fctzen trat und f\u00fchrte sie nach Hause. Wir gingen immer Hand in Hand, wir waren zwei und doch eins. Sah ich eine Bordsteinkante nahen, verlangsamte ich meinen Schritt und sie ihren, ich blieb eine Fu\u00dfl\u00e4nge vor der Kante stehen und sie auch. Wir brauchten nicht miteinander zu sprechen, unser Zeichen reichte. Indem ich kurz ihre Hand dr\u00fcckte, wusste sie, dass eine Stufe kommen w\u00fcrde. Mit mir stolperte sie nie, sie konnte schon nicht mehr gut sehen und meine Augen sahen f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter schloss zum letzten Mal die Haust\u00fcr auf.<br>\u201eWir nehmen nur die allerwichtigsten Sachen mit!\u201c<br>Hastig stopften wir einen alten Koffer und eine gelbe Reisetasche voll, hektisch versteckten wir Tafelsilber und Silberkannen in einer runden Waschpulverpackung im Keller. Mein Vater konnte jederzeit zur\u00fcckkommen oder erst in drei Wochen. Schnell warf ich meine Spielsachen in einen himmelblauen M\u00fcllsack, alles, was wir in der Eile nicht mitnehmen konnten, sollte sp\u00e4ter abgeholt werden. Ich durfte nur das einpacken, was ich selbst tragen konnte. Das dicke Buch, in dem ich nachts immer mit einer Taschenlampe las, war zu schwer. Ich wollte meine Mutter nicht fragen, ob sie es in ihren Koffer geben k\u00f6nnte, so suchte ich die sch\u00f6nste Seite, riss sie vorsichtig heraus, faltete sie zweimal zusammen und steckte sie in meine Manteltasche. Mein Hund durfte nicht mit, der Gro\u00dfvater in Deutschland, zu dem wir reisen w\u00fcrden, war Arzt und hielt Tiere f\u00fcr unhygienisch. Jeden Abend schlief der Hund am Fu\u00dfende meines Bettes auf der rotgr\u00fcn karierten Decke. Wenn mein Vater nicht deprimiert war, trug er ihn wie ein Hirte sein Lamm auf den Schultern und sprach mit ihm in der Sprache der Schafe. Ich hatte keine Freunde, keine Geschwister, aber diesen schwarzwei\u00df gefleckten Hund. Zum Weinen blieb keine Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir standen vor der Haust\u00fcr. Aus dem Garten kam uns der Hund entgegen gelaufen, er sprang an mir hoch, ich kraulte ihm den Nacken. Meine Mutter steckte gerade den Schl\u00fcssel ins Schloss, als ich unter ihren Arm kroch und mich durch den T\u00fcrspalt quetschte. Ich lief durch den Flur in die K\u00fcche, der Hund rannte mir hinterher, sie rief ihn zu sich und er gehorchte. Ich h\u00f6rte ihre Stimme.<br>\u201eLouise!\u201c<br>Ich riss den Eisschrank auf, zog das unterste, braune Plastikfach heraus und schob alle Essensreste, die in den einzelnen F\u00e4chern standen, hinein.<br>\u201eLouise!\u201c<br>\u201eIch beeile mich.\u201c<br>Ich \u00f6ffnete die T\u00fcr zur Terrasse, schraubte drei Gl\u00e4ser auf, sch\u00fcttete Oliven, Sardellen und Essigg\u00fcrkchen auf den Betonboden, leerte den Inhalt einer offenen Maisb\u00fcchse, warf eine Wurst, ein paar Scheiben rosigen Schinken und einen verwelkten Salatkopf daneben. Meine Mutter schrie erneut. Aus zwei T\u00f6pfen schaufelte ich mit den Fingern hellrote und gr\u00fcngelbe Marmelade, ich schlug die Glast\u00fcr der Terrasse zu und wusch mir die H\u00e4nde. Der Eisschrank stand noch offen, im Weglaufen knallte ich ihn zu. Au\u00dfer Atem kam ich zu meiner Mutter zur\u00fcck, sie schimpfte, der Hund bellte. Sie sch\u00fcttelte den Kopf, zog die Haust\u00fcr zu und griff nach dem Koffer. Wir liefen zum wei\u00dfen Gartenzaun und schlossen das Lattentor hinter uns. Der Hund steckte seinen Kopf durch das Loch f\u00fcr den \u00d6lschlauch. Er wedelte mit dem Schwanz und sah uns nach, pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er auf zu bellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir trugen das schwere Gep\u00e4ck zum Zahnarzt des Ortes. Meine Mutter hatte sich mit ihm und seiner jugoslawischen Frau angefreundet. Mein Vater sagte immer wieder, er sei ein Schlachter, von ihm lie\u00dfe er sich nicht einmal einen Zahn ziehen. Er trank lieber Pastis gegen den Schmerz bis er verschwand. Der Zahnarzt nahm meine Mutter in die Arme und ging mit ihr ins Behandlungszimmer. Die Praxis war leer, ich wartete sehr lange im Wartezimmer. Ich betrachtete die Lampen, die wie Tropfen von der Decke hingen. Mein Vater hatte dem Zahnarzt diese Lampenschirme aus gr\u00e4ulichem Kunststoff verkauft, bevor seine Firma in Konkurs ging, und er arbeitslos wurde. An Kunststoff glaubte er nie, sagte er, sobald man eine Gl\u00fchbirne einschraubte, die st\u00e4rker als 40 Watt war, schmolz er. In seiner gesamten Kunstoffkarriere konnte mein Vater nur zwei Verkaufserfolge verbuchen. Immer wieder erinnerte er sich &#8211; und insbesondere meine Mutter &#8211; daran, dass seine Lampen noch heute tschechische Speisewagons und polnische Hotelzimmer beleuchten w\u00fcrden. An manchen Tagen entgegnete meine Mutter ihm nur, \u201eDu und deine Plastikfunzeln!\u201c Um besser sehen zu k\u00f6nnen, hatte sie \u00fcberall im Haus die st\u00e4rksten Gl\u00fchbirnen eingeschraubt, die es zu kaufen gab. Der Kunststoff tropfte auf den Boden. Irgendwann kam meine Mutter aus dem Behandlungszimmer wieder heraus und erkl\u00e4rte: \u201eIch habe ein letztes Mal meine Z\u00e4hne zeigen wollen.\u201c Wir \u00fcbernachteten in der Wohnung des Zahnarztes. Seine Frau, die eine Perserkatze und Fettpflanzen liebte, bezog unsere Betten im G\u00e4stezimmer. Die Bettw\u00e4sche roch nach ihrem pudrigen Parfum, und ich fiel in einen tiefen Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eLieblingspatientin\u201c des Gro\u00dfvaters holte uns mit dem Auto ab, der Wagen und ihre Haut gl\u00e4nzten. Sie sprach mit zittriger Stimme zu meiner Mutter in deutscher Sprache. Wenn ein Windsto\u00df kam, blieb ihr hellblondes Haar unver\u00e4ndert auf dem Kopf liegen. Zweimal wies sie darauf hin, ich m\u00fcsse mich mit dem \u201eSicherheitsgurt\u201c anschnallen. So lange sie das Einrasten der metallenen Schnalle nicht h\u00f6rte, blickte sie immer wieder in den R\u00fcckspiegel. Auf der Fahrt bestand die Lieblingspatientin darauf, mir ein Spiel beizubringen, sie lachte.<br><br>\u201eDas Kind wird abgelenkt, und wir tun etwas f\u00fcr unsere grauen Zellen!\u201c<br><br>Meine Mutter stimmte sofort zu.<br><br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe hinein.\u201c<br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe und einen Rock hinein.\u201c<br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe, einen Rock und ein Buch hinein.\u201c<br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe und einen Rock und ein Buch und ein Reiseb\u00fcgeleisen hinein.\u201c<br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe und einen Rock und ein Buch und ein Reiseb\u00fcgeleisen und eine Zahnb\u00fcrste hinein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war wieder an der Reihe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe und einen Rock und ein Buch und ein Reiseb\u00fcgeleisen und eine Zahnb\u00fcrste und ein Pl\u00fcschtier hinein.\u201c<br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe und einen Rock und ein Buch und ein Reiseb\u00fcgeleisen und eine Zahnb\u00fcrste und ein Pl\u00fcschtier und eine Reservezahnb\u00fcrste hinein.\u201c<br>\u201eIch packe meinen Koffer und lege ein Paar Schuhe und einen Rock und ein Buch und ein Reiseb\u00fcgeleisen und eine Zahnb\u00fcrste und ein Pl\u00fcschtier und eine Reservezahnb\u00fcrste und einen Schuhl\u00f6ffel hinein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war schon wieder an der Reihe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch packe meinen Koffer und lege meinen Hund hinein.\u201c<br>\u201eSei kein Spielverderber!\u201c riefen die Lieblingspatientin und meine Mutter im Chor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte mir nichts mehr merken und sagte nichts mehr, meine Mutter und die Lieblingspatientin z\u00e4hlten sich bis zur Grenze gegenseitig Gegenst\u00e4nde auf: Schuhcreme, Handb\u00fcrsten, Waschlappen, Reserveschuhcreme, Reservehandb\u00fcrsten, Reservewaschlappen. Als wir uns der Grenze n\u00e4herten, beendeten sie das Spiel. Meine Mutter betonte mehrmals, ein Grenz\u00fcbertritt mit mir sei keine Kindesentf\u00fchrung, auch wenn sie noch nicht die richtigen Papiere zusammen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Monaten waren meine Mutter und ich zum Rechtsanwalt in die n\u00e4chste Stadt gefahren. W\u00e4hrend der Busfahrt wiederholte sie st\u00e4ndig: \u201eDas ist ein Geheimnis, das nur wir haben! Du darfst keinem verraten, zu wem wir gehen!\u201c In einer dunkelbraunen Kanzlei sprach ein Zigarre rauchender Mann \u00fcber S\u00e4tze und Gesetze. Meine Mutter hielt ihm ihren blauen, aufgeschlagenen Pass hin, mit seiner freien Hand deutete er unter ihr Passfoto, ich klebte da. Danach schickten sie mich hinaus, schlossen die gepolsterte T\u00fcr und ich sah im holzget\u00e4felten Vorzimmer der Sekret\u00e4rin beim Tippen zu. Auf der R\u00fcckfahrt schwieg meine Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir blieben in der ersten deutschen Stadt nach der Grenze. Ich h\u00f6rte weitere Worte, die ich nicht kannte, meine Mutter musste \u201eBeh\u00f6rdeng\u00e4nge\u201c erledigen. Sie versuchte, mich in einem Kinderheim abzugeben. Die Erzieher wollten mich nicht dabehalten, meine Mutter schlug vor, ihren Pass als Pfand zu lassen. Dennoch bef\u00fcrchteten sie, meine Mutter wolle mich aussetzen, sie entschuldigten sich, sie k\u00f6nnten mich leider nicht aufnehmen. So verbrachte ich den Tag in der Gro\u00dfk\u00fcche des Hotels, in dem wir \u00fcbernachteten, und wartete, dass meine Mutter zur\u00fcckkehrte. Auf blauen Flammen brodelten Metallt\u00f6pfe. Die Essensreste hatte mein Hund sicher l\u00e4ngst gefressen. Wann w\u00fcrde mein Vater nach Hause kommen? Die K\u00f6che mit hohen, wei\u00dfen M\u00fctzen gaben mir eine Orangenlimonade, die \u201aBlume\u2019 oder \u201aBluma\u2019 hie\u00df, zu trinken. Sie blieben h\u00e4ufig neben mir stehen, redeten mit mir und l\u00e4chelten mich an, auch wenn ich ihre Sprache nicht gut verstand. Ich durfte von jedem Topf probieren. Wenn ich auf einen Topf zeigte, nahm ein rotgesichtiger Koch den Deckel hoch und f\u00fcllte mir etwas Dampfendes in eine kleine Sch\u00fcssel: Kartoffelkl\u00f6\u00dfe, Kartoffelpuffer, Kartoffelsuppe. Buchstabensuppe, die kannte ich, es war das gleiche Alphabet. Ich verbrannte mir die Zunge. Abends konnte ich nicht einschlafen, ich hatte zu viel gegessen, und meine Mutter war mit der Lieblingspatientin sp\u00e4t zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfmutter stand in der Einfahrt ihres Hauses, in der Luft lag der Geruch von Keksen, sie streckte mir die Arme entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn Deutschland wirst du es besser haben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie spitzte den Mund, den eine Schicht rosigcremiger Lippenstift \u00fcberzog, ich drehte den Kopf weg. Dicke N\u00e4hte eines B\u00fcstenhalters zeichneten sich durch eine Seidenbluse auf ihrem eckigen Busen ab. Sie rief in die offene Haust\u00fcr hinein, in der der Gro\u00dfvater meine Mutter in den Armen hielt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hat denn dieses Kind?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfvater trug einen wei\u00dfen Kittel. Als ich neben ihm stand, beugte er sich hinunter und strich mir mit seiner warmen Hand \u00fcber den R\u00fccken, er l\u00e4chelte und nickte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAller Anfang ist schwer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verschwand er. Die Gro\u00dfmutter sah meine Mutter an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNimm endlich deine Sonnenbrille ab. Man muss sich doch gerade in die Augen sehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter setzte ihre Brille ab, die Gro\u00dfmutter hielt den Atem an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh Gott! Was hat er mit dir gemacht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein dunkelblauer Fleck umrandete inzwischen das linke Auge meiner Mutter, geplatzte \u00c4derchen durchzogen das Wei\u00df des Augapfels. Die Gro\u00dfmutter wandte schnell ihren Blick ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSetz die Brille bitte wieder auf!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Frauen in rosa Kitteln n\u00e4herten sich der Gro\u00dfmutter, die gerade auf unser Gep\u00e4ck zeigte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas sind Inge und Frau Biermann! Unsere Haushaltshilfe und unsere Putzfrau!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Inge griff nach der gelben Reisetasche, Frau Biermann nach dem alten Koffer. Die Gro\u00dfmutter \u00f6ffnete eine T\u00fcr, schob mich in ein Zimmer und zeigte auf Menschen, die auf roten und schwarzen St\u00fchlen um einen Tisch voller abgegriffener Zeitschriften sa\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eDas sind unsere Patienten. Sag guten Tag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Ich sagte nichts und starrte auf den stachligen, stahlblauen Teppichboden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist unser Enkelkind!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfmutter l\u00e4chelte kurz, zog mich aus dem Zimmer und der abgestandenen Luft wieder heraus. Sie machte leise die T\u00fcr hinter sich zu und zog fest an meinem Arm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst freundlich zu den Leuten sein. Schlie\u00dflich sind das unsere Patienten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schritt durch einen hohen, langen Flur mit kirschrotem Teppichboden und sonnengelber Blumentapete, so gro\u00dfe Bl\u00fcten gab es in keinem Garten. Meine Mutter und ich, Frau Biermann und Inge gingen der Gro\u00dfmutter hinterher. Mit einem Schl\u00fcsselbund, an dem viele Schl\u00fcssel hingen, schloss die Gro\u00dfmutter erst eine T\u00fcr mit Milchglasscheibe, dann eine wei\u00dflackierte Holzt\u00fcr auf. Wir standen zu f\u00fcnft in einem hellen Raum, dem Wohnzimmer, an das ein dunkles, weiteres Zimmer grenzte. Im Wohnzimmer \u00f6ffnete die Gro\u00dfmutter einen breiten, leeren Kleiderschrank und z\u00e4hlte die B\u00fcgel nach, Holz und Metall stie\u00dfen aneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fragte sie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie alt bist du eigentlich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfmutter drehte sich um.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNach dem Alter fragt man nicht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gab Frau Biermann und Inge ein Zeichen, dass sie gehen konnten. Abwesend blickte meine Mutter auf eine rosa Couch und rosa Sessel. Die Gro\u00dfmutter ging ins andere Zimmer und zog ratternde Holzrollos hoch. Zwei gleich gro\u00dfe Eichenbetten standen nebeneinander, die nur ein Nachttisch trennte. Schneewei\u00dfe, durchscheinende Gardinen verhingen gro\u00dfe Glasfl\u00e4chen, unter ihnen spiegelten sich meterlange, schwarze Marmorfensterb\u00e4nke, die leer standen. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite gl\u00e4nzte ein kleines Waschbecken, an metallenen Handtuchhaltern hingen frische Handt\u00fccher wie im Hotel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfmutter streckte ihren Zeigefinger in die Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist dein neues Zuhause! H\u00f6rst du!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie strich mit dem anderen \u00fcber die Fensterb\u00e4nke.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSicher wollt ihr euch erst einmal frisch machen! Nachher gibt es Kaffee und Kuchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfmutter verschwand, meine Mutter fing an, Koffer und Reisetasche auszupacken. Ich sa\u00df auf einem der Eichenbetten und blickte durch die Gardine in den Garten. Eine Teppichstange stand dort, es hing keine Schaukel an ihr, der Rasen war kurz geschnitten, der Himmel weder blau noch grau. Meine Mutter lie\u00df mich aussuchen, in welchem Bett ich schlafen wollte. Das an der Wand sollte meines sein. Aus der Manteltasche holte ich meine herausgerissene Buchseite, die Reise hatte sie zerknittert. Ich strich sie glatt und legte sie zwischen Matratze und Bettkante.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie lange bleiben wir hier?\u201c<br>\u201eEine Zeit.\u201c<br>\u201eWas ist eine Zeit?\u201c<br>\u201eIch wei\u00df es nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Woher sollte ich wissen, was eine Zeit ist, wenn selbst meine Mutter es nicht wusste.<\/p>\n\n\n\n<p>Der blinde Fleck, <a href=\"https:\/\/www.braumueller.at\/AutorIn?id=48170\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Braum\u00fcller Literaturverlag<\/a> Wien, 2011, Seite 5-15<\/p>\n\n\n\n<p>Romananfang Seite 5-15<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einmal stand meine Mutter in ihrem orangeroten Cape vor der Kirche. Sie hatte mich noch nie von der Schule abgeholt, sie war mir noch nie auf dem Weg nach Hause entgegen gekommen. 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