{"id":558,"date":"2023-03-30T18:40:10","date_gmt":"2023-03-30T16:40:10","guid":{"rendered":"http:\/\/christinevelan.com\/?p=558"},"modified":"2023-04-03T19:26:33","modified_gmt":"2023-04-03T17:26:33","slug":"der-blinde-fleck-leseprobe-auszug-der-radiosendung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christinevelan.com\/index.php\/2023\/03\/30\/der-blinde-fleck-leseprobe-auszug-der-radiosendung\/","title":{"rendered":"Der blinde Fleck &#8211; Auszug der Radiosendung &#8211; Leseprobe 2"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Mutter verletzte sich t\u00e4glich. Die Ecken und Kanten der neuen Wohnung waren ihr noch nicht vertraut, oft stie\u00df sie sich an scharfen Schreib- und K\u00fcchentischkanten, an spitzen Schuh- und Badezimmerschrankecken, manchmal lief sie gegen offene T\u00fcren und Schr\u00e4nke. Auf ihrem K\u00f6rper zeichneten sich Kratzer, Flecken, Schrammen und Bluterg\u00fcsse ab, die sie unter ihrer Kleidung versteckte. Aufgeplatzte Wunden im Gesicht, \u00fcber ihren Schl\u00e4fen und unter ihren Brauen, blieben f\u00fcr jeden sichtbar. Wenn sie ein blaues Auge hatte, wollte sie nicht aus dem Haus gehen. Sie meinte, sie s\u00e4he verpr\u00fcgelt aus. Bis es zu einem unauff\u00e4lligen Fleck wurde, fragte sie mich oft mehrmals am Tag nach dessen Farbe. Manchmal sagte ich, es habe sich in ein schwaches Hellgelb verwandelt, wenn es noch ein kr\u00e4ftiges Gelbgr\u00fcn war. Ich log nicht sehr gerne, aber es erleichterte meine Mutter. Sie gew\u00f6hnte sich daran, sich Arme und Beine aufzuschlagen, auf ihren Oberschenkeln hatte sie immer ein oder zwei blaue Flecken in Tischh\u00f6he. Meine Mutter behauptete, sie habe fast kein Schmerzempfinden mehr. Ein Mal bemerkte sie ihre Verletzung erst an der W\u00e4rme des flie\u00dfenden Blutes, ein anderes Mal entdeckte ich, dass ihre Haarstr\u00e4hnen rotbraun verkrustet waren. Sie versuchte sich zu erinnern, wo und wann sie sich besonders wehgetan haben konnte. Die wei\u00dfen Alpenveilchen hatte sie unter dem Wohnzimmerfenster gegossen und auf den Boden gefallene, vertrocknete Bl\u00fctenbl\u00e4tter aufgesammelt. Aus der Hocke sich aufrichtend schlug sie mit ihrem Kopf gegen die gekachelte Fensterbank, dort musste sie sich eine blutende Wunde geschlagen haben, die beim Trocknen ihre Haare verklebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchrte meine Mutter durch unsere Wohnung wie durch eine fremde Stadt. In jedem Zimmer sah ich mich um, griff nach ihrer rechten Hand und lie\u00df sie mit ihren Fingerspitzen alle Ecken und Kanten langsam abtasten. Ich beschrieb ihr den Abstand jeder m\u00f6glichen Gefahr zu den W\u00e4nden, T\u00fcren und Schwellen, nach denen sie sich richtete. Sie musste sich jedes Hindernis einpr\u00e4gen, um sich im Raum, den ihr die abgestellten M\u00f6bel gelassen hatten, bewegen zu k\u00f6nnen. Meine Mutter und ich gingen alle G\u00e4nge der Wohnung ab: gerade Wege, enge Umwege, einfache Sackgassen und verschachtelte Abk\u00fcrzungen zwischen Tischen, St\u00fchlen, Betten und Schr\u00e4nken. Sie z\u00e4hlte die Schritte von der T\u00fcrschwelle bis zum Schaukelstuhl, vom Schaukelstuhl bis zum Schreibtischstuhl und vom Schreibtisch bis zur Fensterbank. Oft wurde sie ungeduldig, ich blieb ruhig, denn fast alles war f\u00fcr meine Mutter gef\u00e4hrlich: das robuste Waschbecken im Bad, die klobigen T\u00fcrklinken und selbst die schweren H\u00e4ngelampen. In den neuen Zimmern versuchte ich zu ihrem vorangehenden Schatten zu werden, ich wollte sie besch\u00fctzen. Oft sagte sie streng: \u201eLass mich das bitte alleine machen!\u201c oder \u201eIch kann es selbst!\u201c Damit sie sich nicht unselbst\u00e4ndig f\u00fchlte, blieb ich nur hinter ihr stehen und beobachtete sie unauff\u00e4llig. Wenn ich fast sicher war, dass sie sich bald verletzen w\u00fcrde, griff ich im letzten Moment ein. Manchmal war es zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfvater besuchte uns nach einer \u201eHerzkranzgef\u00e4\u00dfverengung\u201c und vor einer \u201eMagenverstimmung\u201c. Er schob uns zwischen seinen Patienten ein, um auch bei uns \u201enach dem Rechten\u201c zu sehen. Als er meine Mutter zur Begr\u00fc\u00dfung auf die Wangen k\u00fcsste, entdeckte er eine Verletzung. Er nahm ihren Kopf behutsam in die H\u00e4nde, f\u00fchrte sie zur n\u00e4chsten Lichtquelle, schob einige ihrer Haarstr\u00e4hnen zur Seite und betrachtete sie unter der Flurlampe. Der Gro\u00dfvater untersuchte eine Wunde auf der Kopfhaut, die ich \u00fcbersehen, und die meine Mutter mir verschwiegen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Kind! Eigentlich h\u00e4tte es gen\u00e4ht werden m\u00fcssen. Du hast noch einmal einen Schutzengel gehabt. Wann ist es passiert?\u201c<br>\u201eVor drei Tagen.\u201c<br>\u201eSonst alles in Ordnung? Herz? Stuhl?\u201c<br>\u201eJa, ja.\u201c<br>\u201eEher fester? Eher breiig?\u201c<br>\u201eNormal.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfvater schob erst den rechten \u00c4rmel ihrer Bluse und dann die linke Manschette seines Hemdes hoch. Er hielt mit Daumen und Zeigefinger ihr Handgelenk, sah auf seine goldene Armbanduhr und verfolgte deren Sekundenzeiger. Nach einigen Atemz\u00fcgen brach er sein Schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePuls v\u00f6llig unbedenklich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er strich meiner Mutter einmal \u00fcber die linke Kopfh\u00e4lfte, griff in seine Manteltasche und \u00fcberreichte ihr ein Geschenk. Aus dem gestreiften Papier wickelte sie einen Bogen aus Messing und bat mich einen Hammer zu holen. Der Gro\u00dfvater schlug einen Nagel in die schiefe Flurwand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGl\u00fcck, Gl\u00fcck! Wer will sagen, wer du bist und wo du bist! Fontane.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfvater machte eine Pause, er sah mich ruhig und eindringlich an, ich h\u00f6rte nur noch seinen Atem und das Ticken seiner Uhr. Pl\u00f6tzlich r\u00fcttelte er am Nagel, um nachzupr\u00fcfen, ob dieser fest in der Wand steckte. Er nickte und h\u00e4ngte den Messingbogen als umgekehrtes U daran auf. \u201eDas ist ein Gl\u00fccksbringer\u201c, sagte er und verabschiedete sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Patienten rufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter stand in der K\u00fcche und zerkleinerte Lauch mit einem scharfen Messer. Sie brauchte einen besseren Schutzengel, ich musste seine Arbeit \u00fcbernehmen. Wenn sie kochte, konnte ich die Gefahr nicht einsch\u00e4tzen. W\u00fcrde sie in der n\u00e4chsten Sekunde Lauch oder ihren Finger schneiden? Sie schnitt sich eine Fingerkuppe der linken Hand an, sofort schoss Blut aus der Wunde, es spritzte \u00fcber das Wei\u00df vom Gem\u00fcse auf das Holzbrett. Meine Mutter hielt ihren Finger unter flie\u00dfend kaltes Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie K\u00e4lte verengt die Kapillargef\u00e4\u00dfe. So kann man eine Wunde stillen.\u201c<br>\u201eWas f\u00fcr Gef\u00e4\u00dfe?\u201c<br>\u201eHaargef\u00e4\u00dfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstand nichts und lief in ihr Schlafzimmer. Um das Apothekerschr\u00e4nkchen \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen, stieg ich auf einen Stuhl. Ich suchte nach einem Pflaster, im unteren Fach der Innenseite der T\u00fcr fand ich es. Als ich in die K\u00fcche zur\u00fcckkam, hielt meine Mutter ihren Zeigefinger senkrecht in die Luft. Er war rot. Sie bat mich, einen Meter Toilettenpapier zu holen, damit umwickelte sie den Finger. Ich wischte mit Sp\u00fclmittel das blutbefleckte Gem\u00fcse und Holzbrett ab. Das rosa Toilettenpapier verf\u00e4rbte sich rot. Nach einiger Zeit floss kein Blut mehr aus dem Finger, meine Mutter streckte ihn mir entgegen und ich umklebte die Schnittstelle mit dem Pflaster. Sie lachte: \u201eJetzt habe ich mir auch noch ins eigene Fleisch geschnitten.\u201c Ich wusste nicht, was daran so komisch sein sollte. Sie fragte: \u201eIst Blut auf das Gem\u00fcse gekommen?\u201c Ich sagte: \u201eNein.\u201c Mit den gespreizten Fingern ihrer linken Hand hielt sie die Lauchstange, die sie mit der rechten Hand weiter schnitt. Der Porreeauflauf schmeckte wie immer, meine Mutter kochte ihn nie wieder. Wenn sie sich beim Zubereiten eines Essens stark verletzte, hatte sie keine Lust, es nochmals zu kochen, als h\u00e4tte gerade dieses Gericht ihr Ungl\u00fcck gebracht. Immer h\u00e4ufiger a\u00dfen wir w\u00e4ssrige T\u00fctensuppen und aufgetaute Tiefk\u00fchlpizzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter schob B\u0153uf Stroganow als Fertiggericht in den vorgeheizten Ofen. Die blauen Flammen gingen aus, sie kniete sich vor den Herd und versuchte ihn mehrmals wieder anzuz\u00fcnden, es gelang ihr nicht. Ich bot meine Hilfe an, sie antwortetet nur: \u201eMesser, Gabel, Schere, Licht sind f\u00fcr kleine Kinder nicht.\u201c Immer wieder hielt sie ein brennendes Streichholz in das Loch, aus dem das Gas treten sollte, nichts geschah. Pl\u00f6tzlich stach eine riesige Flamme aus dem Ofen. Es zischte. Schreiend wich meine Mutter mit ihrem Oberk\u00f6rper nach hinten und schlug sich mit den H\u00e4nden gegen die Stirn und auf die Augen. Sie richtete sich auf. Sie tastete nach einem K\u00fcchenstuhl, zog ihn zu sich heran und setzte sich. Ein eigenartiger Geruch breitete sich aus. Sie zitterte, als sei ihr sehr kalt. Wo lange Wimpern am Rande ihrer Augenlider und dichte H\u00e4rchen im Bogen \u00fcber ihren Augen angeordnet gewesen waren, hingen winzige, verkohlte K\u00fcgelchen. Meine Mutter glich einem Fisch, sie hatte keine Augenbrauen und Wimpern mehr. Ich strich \u00fcber ihre Wange, sie l\u00e4chelte ein wenig. An die k\u00fcrzeren Stirnfransen konnte ich mich gew\u00f6hnen, an ihr nacktes Gesicht nicht. Wie lange w\u00fcrde es dauern, bis sie wieder wie ein Mensch aussah? Wuchsen Wimpern \u00fcberhaupt nach? Ich griff nach ihrer Hand und streichelte ihre Finger, die H\u00e4rchen auf ihren H\u00e4nden und Unterarmen waren auch angesengt. Meine Mutter wiederholte st\u00e4ndig: \u201eWas f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass ich heute Baumwolle trage. Sonst w\u00e4re ich verbrannt.\u201c Paulinchen war allein zu Haus, es brennt die Hand, es brennt das Haar, es brennt das ganze Kind sogar. \u201eSonst h\u00e4tte die Synthetikkleidung mich in Plastik eingeschmolzen.\u201c Verbrannt ist alles ganz und gar, das arme Kind mit Haut und Haar, ein H\u00e4ufchen Asche blieb allein. \u201eDer geerbte Gasherd ist lebensgef\u00e4hrlich. Ich will eines Tages auf einen Elektroherd sparen. Ein solcher ist \u201eblindenfreundlicher.\u201c Zum ersten Mal h\u00f6rte ich sie dieses Wort benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ging zum himmelblauen M\u00fcllsack, den meine Mutter aus Frankreich mitgebracht und in den Kleiderschrank gestellt hatte. Ich durchw\u00fchlte ihn und zog meine Puppe heraus, die Batterie war leer, sie konnte nicht weinen. Mit einer Nagelschere schnitt ich ihr die Wimpern ab, ich legte die Puppe in den M\u00fcllsack zur\u00fcck und verknotete ihn fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter und ich standen in einem gl\u00e4nzenden Treppenhaus. Sie nahm das violette Seidenpapier vom Blumenstrau\u00df, den sie in der Hand hielt und kn\u00fcllte es zu einem Ball, den sie in ihre Schultertasche steckte. Sie nickte, ich dr\u00fcckte auf eine Klingel, unter deren Namensschild ein Streifen voller abtastbarer Punkte klebte. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich, Magda betrat die Fu\u00dfmatte, Kurt blieb hinter ihr im Flur. Beide hatten die Augen geschlossen. Sie waren die ersten blinden Bekannten meiner Mutter, Magda und Kurt w\u00fcrden nicht sehen k\u00f6nnen, dass meiner Mutter Augenbrauen und Wimpern fehlten. Magda strich sich \u00fcber den Rock, der steife Taftstoff raschelte. Sie lachte aufgedreht und bat uns hineinzukommen. Meine Mutter \u00fcberreichte die Blumen und sagte: \u201eDas sind bunte Tulpen.\u201c Magda dankte \u00fcberschw\u00e4nglich und ging in die K\u00fcche. Sie \u00f6ffnete einen Schrank, fand tastend eine Vase, steckte den Zeigefinger ins Innere des Gef\u00e4\u00dfes und lie\u00df Wasser einlaufen. Als das Wasser ihren Finger ber\u00fchrte, drehte sie den Hahn ab und stellte die Blumen hinein. Sie fragte nach deren Farben, ich z\u00e4hlte die Farbt\u00f6ne auf. Dieser Strau\u00df war das falsche Geschenk, Magda konnte ihn weder sehen, noch riechen, Tulpen rochen nach nichts. Sie bat uns \u201ein die gute Stube\u201c und sagte: \u201eKurt hat den Tisch gedeckt, w\u00e4hrend ich den Kuchen gebacken habe.\u201c Nichts fehlte auf der grobgewebten Tischdecke: Sahne, Kuchen, Kuchenheber, Kuchenteller, Kuchengabeln, Tassen, Untertassen, Kaffeel\u00f6ffel, Kaffeesahne, Kaffeew\u00e4rmer, Zuckerst\u00fcckchen und zu Dreiecken gefaltete Servietten. Jeder einzelne Gegenstand war einem anderen genauestens zugeordnet, Kurt musste sich lange damit besch\u00e4ftigt haben. Meine Mutter n\u00e4herte sich dem Tisch und stie\u00df gegen ein Tischbein, die Kaffeesahne schwappte aus dem K\u00e4nnchen und machte einen Fleck auf der Decke. Ich sollte Magda und Kurt darauf aufmerksam machen, ich sagte nichts, ich wollte meine Mutter nicht verraten. Magda nahm mit ihrer einen Hand die Kaffeekanne, den Zeigefinger ihrer anderen Hand f\u00fchrte sie knapp unter den oberen Rand der Tasse. Bevor der dampfende Kaffee ihren Finger ber\u00fchrte, h\u00f6rte sie auf, einzuschenken. Kurt stand auf, holte f\u00fcr mich ein Glas und eine Flasche Ananassaft aus der K\u00fcche und goss ein, auch er benutzte seinen Zeigefinger. Ich fragte: \u201eWie habt ihr den Kuchen in zw\u00f6lf gleiche St\u00fccke schneiden k\u00f6nnen?\u201c Magda lachte: \u201eIch habe eine Kuchenschneidehilfe.\u201c Als meine Mutter den Geschmack des Apfelkuchens lobte, erkl\u00e4rte Magda: \u201eDas ist ein Fertigkuchen.\u201c F\u00fcr den Teig musste man nur ein Ei, Milch und Butter ins Pulver geben, f\u00fcr die Apfelf\u00fcllung nur hei\u00dfes Wasser auf die trockenen Fruchtst\u00fccke gie\u00dfen. Magda lachte und sagte: \u201eDieser blindenfreundlichen Erfindung wegen verdient der Hersteller einen Preis.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter, Magda und Kurt unterhielten sich \u00fcber Blindenberufe. Magda und Kurt h\u00f6rten von morgens bis abends Stimmen, sie arbeiteten f\u00fcr die Stadtverwaltung als Telefonisten. Sie l\u00e4chelten. \u201eEs ist, als ob wir stundenlang Menschen sehen.\u201c Meine Mutter sagte: \u201eWenn ich ganz blind sein werde, w\u00fcrde ich lieber einen anderen Beruf aus\u00fcben.\u201c Kurt antwortete: \u201eWenn du nicht gerade K\u00f6rbe flechten oder B\u00fcrsten herstellen willst, ist die Auswahl nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig gro\u00df.\u201c Meine Mutter entgegnete: \u201eFr\u00fcher habe ich Sport unterrichtet, jetzt beginne ich als Gymnastiklehrerin und sp\u00e4ter werde ich vielleicht als Masseurin arbeiten.\u201c Ich wollte nicht, dass meine Mutter fremde Menschen anfasste. Magda lachte. \u201eDann hast du schon deine ersten Patienten. Kurt und ich haben Schultern aus Eisen. Vom Halten unserer Blindenst\u00f6cke sind wir vollkommen verspannt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Magda und Kurt begannen, den Tisch abzudecken, sie wollten meiner Mutter etwas zeigen. Ich bot meine Hilfe an, Kurt bat mich, ihnen nicht zu helfen. Wenn sie nicht genau w\u00fcssten, wo ich etwas abstellte, sei es f\u00fcr sie viel umst\u00e4ndlicher alles wieder zusammenzusuchen. Nachdem der Tisch leerger\u00e4umt war, holte Kurt ein buntes Lego-Haus ohne Dach von einem Beistelltisch. Er reichte es meiner Mutter, die ihren Stuhl nach hinten r\u00fcckte und sich das Haus auf die Oberschenkel legte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt sagte: \u201eWei\u00dft du denn, dass Magda und ich uns ein blindenfreundliches Eigenheim bauen? Wir haben mit Legosteinen vorgebaut.\u201c Magda und Kurt griffen ins Haus, betasteten und beschrieben einzelne R\u00e4ume. Pl\u00f6tzlich presste Magda die Hand von Kurt weg und nahm drei Finger meiner Mutter. Erst f\u00fchrte sie ihren Mittelfinger im Wohnzimmer herum. Dann steckte sie den Zeigefinger durch die T\u00fcr zum Flur und dr\u00fcckte den kleinen Finger gegen die angelehnte Esszimmert\u00fcr. Was war ein blindenfreundliches Zuhause? Ich fragte: \u201eGibt es in eurem Haus dann keine Lichtschalter?\u201c So st\u00fcnden sie nicht vor dem R\u00e4tsel, ob das Licht brennt oder nicht, ob es aus- oder eingeschaltet werden muss. Magda lachte laut. \u201eNein, schlie\u00dflich sollen sich auch Sehende darin zurechtfinden. Du sollst uns auch besuchen kommen. Wir haben uns vor allem gew\u00fcnscht, in einem Flachbau ohne Treppen zu leben.\u201c Kurt erz\u00e4hlte, wie Magda vorletzten Winter drei vereiste Stufen vor der Haust\u00fcr hinuntergerutscht war und sich die Beine aufgeschlagen hatte. Mit blutigen Knien und aufgerissenen Seidenstr\u00fcmpfen hatte sie auf dem Glatteis liegend laut gelacht und gerufen: \u201eWas bin ich f\u00fcr ein blindes Huhn!\u201c Meine Mutter, Magda und Kurt lachten, Kurt nahm meiner Mutter das Lego-Haus ab und stellte es auf den Beistelltisch. Ein Teil der Wohnzimmerwand war ausgebrochen. Ich kroch auf dem wolligen Fu\u00dfboden herum, fand die Mauerreste neben dem Schuh meiner Mutter und steckte sie auf die abgebrochene Wand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne ging unter, Kurt stand auf. Es fing langsam an, d\u00e4mmerig zu werden. Er steuerte auf den Lichtschalter zu, bet\u00e4tigte ihn jedoch nicht und ging zum Plattenspieler. Meine Mutter hatte wegen des Lichts nichts gesagt, ich fragte nicht nach. Kurt setzte den Arm des Plattenspielers auf den Rand einer Schallplatte. Ein Vogel sang, unterschiedlichste Vogelstimmen ert\u00f6nten, wir sa\u00dfen im dunklen Wald. Meine Mutter schwieg, Magda und Kurt nannten, sobald das Gezwitscher sich ver\u00e4nderte, abwechselnd Vogelnamen: Fink, Spatz, Star, Zeisig, Meise, Schwalbe, Amsel, Drossel, Kuckuck und Nachtigall.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt fl\u00fcsterte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir h\u00f6ren gerade Magdas Lieblingsplatte.\u201c Meine Mutter lachte.<br>\u201eIch sehe den Wald vor lauter V\u00f6geln nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Magda und Kurt sagten nichts, meine Mutter fing mit hoher Stimme zu singen an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf einem Baum ein Kuckuck, sim sa-la-dim bam-ba sa-la du sa-la-dim, auf einem Baum ein Kuckuck sa\u00df. Da kam ein junger J\u00e4gers-, sim sa-la-dim bam-ba sa-la du sa-la-dim, da kam ein junger J\u00e4gersmann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sah mich im Wohnzimmer um, betrachtete die W\u00e4nde und z\u00e4hlte, wie viele Segelboote in den zwei gerahmten Bildern schwammen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer schoss den armen Kuckuck, sim sa-la-dim bam-ba sa-la du sa-la-dim, der schoss den armen Kuckuck tot.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Magda wandte sich mir zu und \u00f6ffnete kurz ihre Augen. Vielleicht hatte ich nicht richtig gesehen, Magdas Augen waren wei\u00df. Hastig z\u00e4hlte ich, wie viele H\u00e4keldeckchen \u00fcber dem Sofa, den Sesseln und Fensterb\u00e4nken lagen. Meine Mutter hatte aufgeh\u00f6rt zu singen, Kurt sang weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd als ein Jahr vergangen, sim sa-la-dim bam-ba sa-la du sa-la-dim, und als ein Jahr vergangen war, da war der Kuckuck wieder, sim sa-la-dim bam-ba sa-la du sa-la-dim, da war der Kuckuck wieder da.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein erwachsener Mann stand pl\u00f6tzlich im Zimmer. Er machte das Licht an und begr\u00fc\u00dfte Magda und Kurt. Kurt sagte: \u201eIch habe dich nicht kommen h\u00f6ren.\u201c Magda lachte. \u201eDu hast ohrenbet\u00e4ubend laut gesungen.\u201c Der Mann mit kurzem Haaren und kleiner Nase lebte in dieser Wohnung. Roman war ihr Sohn, er w\u00fcrde den Fleck meiner Mutter auf der Tischdecke entdecken und vor allem ihre fehlenden Wimpern. Magda dr\u00fcckte einen Knopf ihrer Armbanduhr, der Glasdeckel sprang auf und sie betastete das Zifferblatt. Sie fragte meine Mutter: \u201eWas f\u00fcr eine Blindenuhr hast du?\u201c Meine Mutter antwortete: \u201eIch komme noch sehr gut mit meiner normalen Armbanduhr zurecht. Das Zifferblatt ist fettgedruckter als das einer Bahnhofsuhr.\u201c Kurt sagte: \u201eWir wissen nicht wie Bahnhofsuhren aussehen. Wir &#8230;\u201c Magda unterbrach ihn und drehte sich in meine Richtung: \u201eWillst du mal eine Blindenuhr anfassen?\u201c Ich f\u00fchlte kleine Erhebungen. Wie konnte ein Finger die Zeit ertasten? Die P\u00fcnktchen waren kleiner als Stecknadelk\u00f6pfe, Blinde mussten feinf\u00fchlig sein. Magda l\u00e4chelte. \u201eDie b\u00f6se Uhr raubt uns die liebsten G\u00e4ste.\u201c Sie fragte: \u201eSoll Roman euch nach Hause fahren?\u201c Meine Mutter dankte und sagte: \u201eIch laufe gern ein paar Meter und Louise wird mich durch die Nacht f\u00fchren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der blinde Fleck, Braum\u00fcller Literaturverlag Wien, 2011, Seite 116-127<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Mutter verletzte sich t\u00e4glich. Die Ecken und Kanten der neuen Wohnung waren ihr noch nicht vertraut, oft stie\u00df sie sich an scharfen Schreib- und K\u00fcchentischkanten, an spitzen Schuh- und Badezimmerschrankecken, manchmal lief sie gegen offene T\u00fcren und Schr\u00e4nke. 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